Etüdensommerpausenintermezzo: Die andere Seite

Eine ganz besondere Aufgabe für die Sommerzeit hat sich Christiane für uns alle ausgedacht: das Etüdenintermezzo und ich habe mir 7 Worte aus den 12 ausgesucht und das sind:

Herzschmerz – Kommentar – Ohrenkneifer – Sahnewölkchen – Stoppelfeld – Strandkorb – Zwischentöne und hier kommt meine (1.) Geschichte:

Die andere Seite

Sommer. Sonne brennt auf Stoppelfelder. Weites flaches Land. Soweit das Auge reicht.

Seit einer schier endlosen Stunde stand er im Stau. Die Hitze machte ihn langsam wahnsinnig und müde – die Zwischentöne marginal. Er war wütend: wütend auf seine Idee, einfach ins Auto zu springen und loszufahren, nachdem Marlen einfach gegangen war. Nicht mal auf die Tankanzeige hatte er geachtet. Er schlug mit aller Wucht auf das Lenkrad und schrie laut: nicht nur wegen seiner nun schmerzenden Hände, er schrie seinen ganzen Herzschmerz heraus…

Tom rieb sich mit beiden Händen durchs Gesicht. Er hatte die Tränen gar nicht bemerkt.

Dann öffnete er die Tür und stieg aus. Genau in diesem Moment setzte sich die Karawane in Bewegung. Tom fluchte und stieg wieder ein. Und dann ging es auf einmal einfach weiter als hätte es nie einen Stau gegeben. Eine halbe Stunde später bog Tom am Haus Troja auf die Kurhausstraße ein und fuhr auf die kolossale Silhouette des „Neptun“ zu. Er bog rechts ab und sah den Teepott vor sich in der Sonne liegen. Er stellte das Auto beim alten Leuchtturm ab. Zwischen den vielen Touristen hindurch, die die Strandpromenade bevölkerten, lief er zur Westmole hinaus zu dem grünem Leuchtturm. Zarte Sahnewölkchen zierten den blauen Himmel. Die Wellen rauschten träge an die Westmole. Er blieb irgendwo stehen und sah hinunter auf Meer und Strand. Der Wind, die Weite, das Anrollen der Wellen in der langsam versinkenden Sonne taten ihm gut. Er sah zu den Strandkörben hinüber. Ein verirrter  Ohrenkneifer krabbelte über die steinerne Mauer. Tom schlug mit der flachen Hand auf das Tier und spürte wie der winzige Chitinpanzer zerbrach. Er nahm die Hand hoch und starrte das tote Insekt an. Warum hatte er das getan? Die Frage seines Lebens. Würde er je Antwort darauf finden?

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Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

10 Kommentare zu „Etüdensommerpausenintermezzo: Die andere Seite

  1. Google sagt mir, dass Du ein schöne Pension (Haus Troja – Pension Kati, Kurhausstrasse 9,) und die Sehenswürdigkeiten Teepott und Leuchturm aus Warnemünde beschrieben hast. Also eine reale Reise. Wenn ich mir die Infos dazu anschaue, dann möchte ich sagen: da möchtest du gerne auch mal hin!

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  2. Ich hab auch gegoogelt und bin auch in Warnemünde rausgekommen 😉. Ziemlich großartig, deine Geschichte, gut geschrieben und alles. Für eine eventuelle Fortsetzung noch einen Tipp: Dies ist das Intermezzo, da bist du nicht an die 300-Worte-Regel gebunden …
    Und wie ich die Geschichte, mit der alles begann? Ich hatte spontan das Bedürfnis, die Ausgangssituation noch mal nachzulesen …
    Liebe Grüße, ich freue mich, dass du mitgemacht hast
    Christiane 😀

    Gefällt 1 Person

    1. hm
      hallo christiane!
      dass ich mehr als 300 Worte hätte schreiben können, ist mir wohl leider entgangen….ist aber nur ein bißchen schade. ich bin recht zufrieden mit der story so wie ist. Im Prinzip ist es „Die andere Seite“ von https://kainschreiber.wordpress.com/2020/04/21/abc-etude-woche-17-18-20/ oder von https://kainschreiber.wordpress.com/2020/06/16/marlen/ …viel Freude beim Nachlesen (wenn du möchtest ).
      …und warnemünde ist auch sehr schön 😉

      Gefällt 1 Person

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