Marlen

. „Jetzt bleib doch mal auf dem Teppich!“ schrie er sie an: „Ich hab es doch nicht in der Zeitung veröffentlicht!“ Er sah sie an. Seine Augen waren voller Wut. Seine Halsschlagader pumpte wild. Alles an ihm stand unter Spannung. Als wollte er im nächsten Moment losstürzen. Sich auf sie stürzen. Sie schütteln, damit sie ihn endlich verstünde. Sich einverstanden erklärte. Am besten mit allem. Sie dagegen sah durch ihn hindurch als sei er vollkommen gläsern und sagte mit ruhiger tonloser Stimme: „Ich habe es dir im Vertrauen erzählt!“ Einen Moment war es vollkommen still zwischen ihnen. Mit den Augen maßen sie ihre Kräfte. Er voller Zorn. Sie voller Traurigkeit. „Und?“ sagte er schließlich: „Was willst du jetzt machen? Deshalb alles in Frage stellen? Mich verlassen?“ Sie nahm ein leichtes Flattern seiner Augenlider wahr kurz bevor sie sich wortlos umdrehte und ging.

Die Tür ganz sanft ins Schloss ziehend, verließ Marlen die Wohnung, die ihre gemeinsame hätte werden können. Doch das war dann wohl jetzt vorbei. Fast schämte sie sich wie großspurig sie noch vor wenigen Wochen ihren Freundinnen von Tom erzählt hatte. Er sei der – genau DER! eine, auf den sie immer gewartet hatte. Mit dem sie ihr Leben verbringen, Pläne schmieden, Großes vollbringen und ihren gemeinsamen Weg gehen würde.

Sie hatte sich getäuscht. Wieder einmal.

Mit jedem Schritt, den sie setzte, entfernte sie sich auch innerlich von dem Traum, den sie gelebt hatten in den letzten Wochen. Hochfliegende Träume: mit dem Katamaran die Welt umsegeln und daraus ein Buch machen wollten sie. Alles, was sie hatten auftreiben können an Geld und Material, hatten sie in den letzten Wochen in das ungewöhnliche Boot gesteckt. Manches war dabei zu kurz gekommen. Auch der Einzug in die gemeinsame Wohnung, weil sie nicht dazu gekommen war, ihre Wohnung zu annoncieren, um einen Nachmieter zu finden, der ihr aus dem gebundenen Vertrag half. Nun atmete sie auf: es war ein Glück, dass sie die Wohnung noch hatte! Sie konnte einfach zurück in ihr eigenes Leben. Ihr Leben ohne Tom.

Wie lange sie wohl die Trennung totschweigen konnte? Vor ihren Freundinnen, aber auch vor ihrer Mutter, die immerhin den Grund dafür kannte – ohne es zu wissen sogar ein bisschen der Grund dafür war.

Am liebsten würde sie zurückgehen und Tom ins Gesicht schreien wie furchtbar sie diesen Schritt selbst fand. Ihre ganze Wut, ihren Unglauben, ihre Traurigkeit herausschreien. Oder wenigstens die Tür zu knallen. Ja. Das könnte sie tun. Getan haben. Wenigstens das! Aber was würde das ändern?

Marlen musste einsehen, dass sie – auch wenn sie diesen Schritt der Trennung getan hatte – wohl erst einmal tief fallen würde. In das tiefe Loch der Traurigkeit, das jeder Trennung folgte. Sie hasste diese emotionale Phase – all die Enttäuschung, die Wut auch über die geplatzten Träume garniert mit Trauer.

Sie sah Tom vor sich als wäre er real. Ganz nah. Spürte seinen wohlriechenden Atem, in dem Augenblick vor dem nächsten Kuss. Sie hatte es geliebt, ihm so nah zu sein. Sie fühlte sich eins mit ihm. Es tat so weh, sich davon ein für allemal zu verabschieden. Einfach schlimm!

Und natürlich stellten sich auch die Selbstzweifel ein: war es der richtige Schritt oder hatte sie vielleicht doch überreagiert? Sie dachte darüber nach während sie langsam am Hafen vorbei ging. Wer sie sah, konnte denken, es ginge ihr gut wie sie so vor sich hin schlenderte. Von Weitem sah man schließlich ihre Tränen nicht. Doch egal wie sie die Gedanken auch drehte und wendete, sie kam immer zu dem gleichen Schluss: es gab keinen Grund, die Entscheidung aufzuschieben. Es gab keinen Grund, Vertrauensbrüche zu sammeln wie Trophäen des Unglücks. Es war hart, gleich beim ersten Fehltritt so zu reagieren, aber nur weil etwas hart ist, ist es nicht falsch. Die besten Entscheidungen ihres Lebens waren immer auch ein wenig hart gewesen. Wie damals als sie gleich nach dem Abitur zu Hause ausgezogen war. Das war eine ziemliche schwere Zeit gewesen, aber es hatte sich gelohnt.

Marlen wusste: auch wenn die Tränen jetzt versiegten:sie würden wieder kommen, aber das war der Preis für diesen Schritt.

Sie hob den Kopf, atmete tief: was sie jetzt brauchte war ein guter Plan: ein Zeitplan, der sie zurückführen würde in ihr eigenes, eigenständiges Leben ohne Tom.

Als sie diesen Schlussstrich im Kopf gezogen hatte, straffte sie sich, richtete sich auf und ging entschlossenen Schrittes weiter. Als sie bei ihrer Wohnung ankam, ging sie um das Haus herum und schloss den Geräteschuppen auf. Sie nahm den blauroten Werkzeugkoffer aus einem der Regale, warf die Tür hinter sich zu und schloss wieder ab. Dann gin sie in die Wohnung hoch. Sie war lange nicht hier gewesen. Meist war sie bei Tom geblieben. Hatte nur manchmal hier vorbei geschaut, den Briefkasten geleert, die beiden Kakteen gegossen und kurz durchgelüftet, einige Wäschestücke gegriffen und war wieder zu ihm zurück. Manchmal zu Fuß, manchmal mit dem Fahrrad. Hin und wieder hatten sie sich auch am Hafen getroffen und auf dem Katamaran übernachtet, wenn das Wetter zu schön war, um in geschlossenen Räumen zu schlafen. Eigentlich war das nicht erlaubt, aber das erhöhte den Reiz nur.

Marlen schüttelte den Kopf energisch und schalt sich selbst, dass ihre Gedanken schon wieder zu Tom abschwiffen.

Sie schloss  die Tür zu ihrer Wohnung auf und drückte sie auf: abgestandene überhitzte Luft schlug ihr entgegen. Sie warf den Schlüssel im Vorbeigehen auf einen Schrank im Flur und ging durch alle Zimmer, um die Fenster weit zu öffnen. In der Küche fiel ihr Blick auf den kupferfarbenen Sektkühler. Sie sah ihn verächtlich an: ein Geschenk von Tom….aber sie war sich sicher, dass sie in den nächsten Wochen keinen Grund zum feiern haben würden.

Sie griff nach ihm und stellte sich auf Zehenspitzen und schubste ihn ganz weit nach oben auf den Küchenschrank.

[Dieser Text ist die Zusammenfassung der von mir im Rahmen der abc Etüden erdachten Serie um „Marlen“ zum runterlesen in einem Stück]

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

2 Kommentare zu „Marlen

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