Vergessen #4

Das Vernehmungszimmer sah genauso aus wie Lucinda es aus dem Fernsehen kannte.

Kahl, kalt, mit dem obligatorischen Spiegel gegenüber. Einer Kamera in jeder Ecke. Winzige Mikrofone, die aus der Mitte des Tisches ragten wie kleine Insektenaugen. Der Tisch war glatt. Die Stühle hölzern. Zwei auf jeder Seite. Die Neonröhre über dem Tisch surrte leicht.

Kaum hörbar. Ein Flirren lag im Raum, das nur Lucinda wahrzunehmen schien.

Die Kommissarin saß am Tisch, blätterte in einer Akte und sagte nichts. Benner hatte Kaffee angeboten und den Raum verlassen.

Lucinda dachte: es gäbe bestimmt ein Echo, aber sie traute sich nicht zu sprechen. Sie räusperte sich. Schluckte. Sie fühlte sich unwohl. Die Gedanken in ihrem Kopf ließen sich nicht greifen. Ihr Magen zog sich zusammen. Steine im Bauch. Kalte Steine. Unauffällig versuchte sie Atemübungen, um sich zu beruhigen. Sie atmete ein, zählte bis drei, atmete langsam wieder aus. Ihr wurde schwindelig. Der Schreck durchzuckte ihren ganzen Körper als Benner die Tür aufriss. Ohne Kaffee.

Er durchschritt zackig den Raum und setzte sich. Lächelte zu Lucinda herüber. Sah zu Martina Markgraf und nickte ihr zu. Dann sagte er, immer noch halb zur Kommissarin gewandt: „Warum haben Sie uns nicht gesagt, dass sie den Toten kannten?!“

Ein heißer Strahl durchschoss Lucinda. Ihr blieb die Luft weg.

Ganz langsam schlug Kommissarin Markgraf die Akte an einer bestimmten Stelle auf, drehte sie und schob sie über den Tisch zu Lucinda.

Sie starrte auf das Foto. Ihr Gehirn rotierte. Sie suchte. In seinen Augen. Seinen Zügen. Es war das gleiche Foto, das man ihr schon einmal gezeigt hatte. Lucinda erkannte nichts in seinen toten Augen. Seinen starren, nahezu entstellten Zügen.

Kommissarin Markgraf griff über den Tisch. Blätterte das Foto um. Ein weiteres kam zum Vorschein. Offensichtlich war der Mann hier noch lebendig. Er lachte in die Kamera.

Lucinda schlug die Hand vor den Mund. „Tobias!“ entfuhr es ihr. Es war ein Reflex viel mehr als ein klarer Gedanke. Doch Kommissar Benner schlug mit der Hand auf den Tisch und rief aus: „Hab ich es doch gewusst!“ er schaute triumphierend zur Kommissarin, die bisher her – seit die beiden im Büro aufgetaucht waren – kein Wort gesagt hatte. Jetzt lehnte sie sich zurück. Erwiderte Benners Blick und sagte: „Warum haben Sie uns nicht gesagt, dass Sie den Mann kennen?“ Ihre Stimme war ruhig. Beinahe gleichgültig, vielleicht aber auch erschöpft. Sie sah Lucinda nicht an. Ihr Blick hing noch an Benner fest. Erst als Lucinda die Hand herunter nahm, einatmete und etwas sagen wollte, schaute sie zu ihr herüber.

„Ich…“ Lucinda räusperte sich: „Ich hab ihn nicht erkannt….nicht auf dem …ersten Bild. Aber hier“ sie wies mit dem Finger auf das vor ihr liegende Foto: „Sieht er aus wie damals. In der sechsten….“ Sie verstummte.

„Gut!“ sagte die Markgraf: „Dann erklären Sie uns doch bitte: haben Sie Tobias Wellner an dem Tag erkannt als er vor Ihrer Firma stand und Sie ihn um Feuer gebeten haben?“

Lucinda brach der Schweiß aus. Das Zimmer schien sich zu drehen. Ihr war schlecht.

„Nein!“ krächzte sie mühsam.

Benner lachte kurz auf.

„Das klingt ein wenig unglaubhaft“ sagte er dann: „Das merken Sie doch sicher selbst, oder?“

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

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