Verwandlung – Extraetüde 05.22 #1

Verwandlung

Charlotte lehnte sich an die Tür zum Tanzsaal. Sie schloss kurz die Augen.
Ihr Rücken schmerzte und sie konnte ihren Taktstock nun wieder als ganz normalen Gehstock benutzen. Sie nahm die Strickjacke vom Haken hinter der Tür und schlich mehr als das sie schritt in ihre Garderobe. Dort ließ sie sich in ihren Sessel fallen und nahm die Perücke ab. Schwarze Locken hatte sie schon lange nicht mehr. Die graue Kurzhaarfrisur, die darunter zum Vorschein kam, knisterte elektrisiert als sie erschöpft darüber strich.
Sie war so abgrundtief müde.
Dabei waren die neuen Teilnehmer ein echter Hoffnungsschimmer. Schließlich war ihr Tanzkurs lange genug ausgefallen wegen dieser vermaledeiten Seuche, die überall um sich Griff und sie ängstigte.
In jeder Hinsicht.
Finanziell war es unverzeihlich, die Tanzschule weiter zu betreiben. Doch sie hielt unverdrossen daran fest, obwohl ihr Steuerberater ihr schon im März vor zwei Jahren gesagt hatte, dass dies der schlechteste, der schwierigste aller Wege werden würde. Konnte doch damals niemand sagen, wie lange das alles anhalten würde und es stand in den Sternen, ob sie irgendwelche Hilfen von irgendeiner Seite bekommen würde.
Sie zog ein Abschminktuch aus der Box und wischte sich durchs Gesicht. Sie spürte das Zittern ihrer Hände. Die Muskeln ihrer  Arme waren wie Wackelpudding. Total kraftlos. Es widerte sie selbst an wie schwach sie war, aber sie konnte nichts dagegen tun.
Was wohl ihr Friedrich dazu sagen würde, wenn er wüsste, dass sie dennoch mit dem Gedanken spielte, aufzugeben? Er war schon so lange nicht mehr bei ihr und die Einsamkeit ihr ständiger Begleiter geworden.
Wenn sie den verliebten Paaren bei ihren bemühten Tangoversuchen zusah, stiegen manchmal Tränen in ihr auf, die sie kaum zurückhalten konnte. Wie sehr hatten sie sich geliebt…vierzig Jahre durften sie gemeinsam verbringen. Kein Tag ohne Liebe.
Als sie dies dachte, lächelte sie der Fremden im Spiegel zu. Sie straffte sich.
Und genau deshalb, dachte sie, gebe ich nicht auf!
Sie zog das rote Kleid aus. Hängte es in den schmalen Schrank.
In einem eleganten Hosenanzug verließ eine alte grauhaarige Dame wenig später die Tanzschule.
Die Teilnehmer, von denen einige noch vor der Tür standen und schwatzten, erkannten sie nicht.

Eine Extraetüde im Rahmen der Schreibeinladung von Christiane.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

5 Kommentare zu „Verwandlung – Extraetüde 05.22 #1

  1. Lieber Kain, die finde ich richtig gut. Das ist ein Leben in eine Handvoll Wörter gepresst, und mein Kopf füllt die Lücken automatisch mit Bildern auf, was bedeutet, dass sie mich reinzieht. Mag ich sehr. 😁👍
    Herzlichen Dank!
    Abendgrüße 😁🧡🍷🍪🍪👍

    Gefällt 2 Personen

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