Arthurs Einsatz II – Extraetüde 05.21

Arthurs Einsatz II

Er huschte durch die Wohnung. Riss alle Fenster auf. Der Gasgeruch war intensiv. Biss regelrecht in den Schleimhäuten der Nase.
Gleichzeitig war er bemüht, an den Fenstern nicht gesehen zu werden.
Niemand durfte ihn sehen.
Als er an der Küche vorbei kam, prüfte er den Gasherd. Er hatte alle abgedreht.
Plötzlich schlug er sich mit der Hand vor den Kopf.
Der Durchlauferhitzer!
Schnell lief er zurück. Fand und sperrte sogar den mit einer orangenen Kappe gekennzeichneten Haupthahn.
Sein Herz schlug bis zum Hals. Manchmal verfluchte er sein weichmütiges Wesen. Er hatte schon wieder Tränen in den Augen, vor lauter Angst, er kriegte es wieder nicht gebacken.
Er setzte sich.
Jetzt musste er nur noch auf den Notarzt – den er per imaginärem Notruf verständigt hatte – warten.

Als er aufsah, war er zutiefst erschüttert: da stand Margarethe, seine Schutzbefohlene und sah ihn aus geröteten Augen interessiert an.
Er sprang auf.
Die alte Frau lächelte ihn an.

„Bleiben Sie sitzen!“ winkte sie ab: „Meinetwegen müssen Sie sich nicht bemühen.“
Es klang resigniert.
„Oh“ stammelte Arthur: „Es tut mir leid! Ich dürfte gar nicht hier sein!“
„Das stimmt“ bestätigte Margarethe und schob sich an ihm vorbei: „Aber wenn Sie schon mal da sind…möchten Sie einen Kaffee?“
„Ähm…nein, danke!“ stotterte Arthur und wand sich innerlich, weil er keine Ahnung hatte wie er der Situation entkommen sollte. Sie hatte ihn gesehen. Das hätte nicht passieren dürfen. Es würde ihn seine Punkte kosten.
Die alte Dame hantierte an der Kaffeemaschine herum, ohne auf ihn zu achten.
Arthur räusperte sich:
„Wissen Sie“ begann er: „Ich dürfte nicht …also…Sie hätten mich nie sehen dürfen…“
„Jetzt stottern Sie mal nicht rum!“ antwortete Margarethe scheinbar belustigt: „Was wollen Sie denn jetzt tun? Mich umbringen?“ sie lachte. „Dann hätten Sie mich ja nicht retten müssen…Warum haben Sie das eigentlich getan? Sind Sie ein Engel oder was?“
„Ähm…nein“ druckste Arthur: „Noch nicht …“
Nun lachte sie endgültig. Als sie wieder Atem hatte, sagte sie:
„Keine Angst, mein Lieber! Das kann ich doch sowieso keinem erzählen. Dann halten mich doch endgültig alle für verrückt.“ Sie ging zu einem der Stühle und sagte: „Nun setzen Sie sich wieder hin!“
Arthur tat wie ihm geheißen.

„Warum haben Sie das gemacht?“ fragte Margarethe ihn mit leichtem Zorn in der Stimme.
„Weil es meine Aufgabe ist“ sagte Arthur spontan.
„Gegen meinen Willen?“ sie zog eine Augenbraue hoch. Sie schimpfte fast: „Wozu? Mich braucht doch keiner mehr. Meine Tochter war das ganze letzte Jahr nicht hier…mein Enkel hat auch nie Zeit. Die Nachbarn halten mich für wunderlich und sprechen kaum mit mir. Also, was soll ich noch hier?“
Arthur hörte ihr aufmerksam zu.
Dann hatte er eine Idee.
In der Ferne war schon der Lautsprecherton des Notarztwagens zu hören.
„Grinsen Sie nicht!“ empörte sich Margarethe: „Wahrscheinlich wissen Sie nicht, was Einsamkeit ist.“
„Oh…“ machte er.
Doch da klingelte es schon an der Tür.
Margarethe sah ihn erstaunt an.
„Gehen Sie nur“ sagte Arthur und verschwand, während Margarethe an der Tür ihre Tochter in den Arm nahm.


(500)

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

8 Kommentare zu „Arthurs Einsatz II – Extraetüde 05.21

  1. Als ich Kind war, hat sich in unserem Haus eine Frau mit Gas vergiftet, da das damalige Gas ja noch stark roch. Sie wohnte in Parterre. Sie hat alle Fugen an der Korridortür abgeklebt, aber beinahe hätte es doch eine Explosion gegeben. Ich darf mir jetzt nach so vielen Jahren gar nicht vorstellen, was da hätte passieren können.
    Aus diesem Grund würde Arthur von mir auch Punkte bekommen.

    Gefällt 1 Person

      1. Mir ist so, als wenn die Frau sehr schwer krank war. Auch jetzt ist es ja noch schwer, auf Wunsch sterben zu dürfen – aber damals war daran noch gar nicht zu denken. – Ich glaube, sie wäre über Arthur mehr erzürnt als erfreut.

        Gefällt 1 Person

  2. Ich finde, er hat alles richtig gemacht und sein Engelherz am rechten Fleck 😉
    Und seine alte Dame wird sich am nächsten Tag nicht mehr an ihn erinnern – oder denken, dass ihr das eh keiner glaubt, und sich lieber um die Tochter kümmern 😉
    Sehr berührend. 😇
    Danke dir, dass du das Geschichtengarn weitergesponnen hast! 😁👍
    Neuschneefreie Abendgrüße 😁🍲🍷👍

    Gefällt 1 Person

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