Zugfahrt #3

Der Zug stand jetzt schon seit fast zwei Stunden auf freier Strecke. Die erste Aufregung hatte sich gelegt. Irgendwann waren die meisten Fahrgäste auf ihre Plätze zurückgekehrt. Aus den Gesprächsfetzen baute sich Sira ihre Informationen zusammen: der Zug war mit einem Fahrzeug kollidiert, das auf den Schienen gestanden hatte. Die Lok war beschädigt. Es hatte Verletzte gegeben. Polizei, Krankenwagen und Feuerwehren waren über Feldwege angerückt. Ein Hubschrauber war auf einem der Felder gelandet und hatte eine Menge Staub aufgewirbelt. Überall flackerte Blaulicht.

Langsam wurde es dunkel vor den schäbigen Plastikfenstern. Im Zug wurde es merklich kühl. Es hatte keinerlei offizielle Informationen gegeben. Niemand wusste, ob es irgendwann weitergehen würde und wann das sein würde, dieses „irgendwann“.

Die meisten Fahrgäste waren auf ihre Plätze zurückgekehrt. Schliefen, starrten vor sich hin oder auf ihre Handys. Nur wenige unterhielten sich leise. Das gelbliche Licht der Abteilbeleuchtung ging knisternd an.

Sira angelte sich ihre Jacke vom Haken. Ihr war kalt. Hunger hatte sie auch langsam. Der Automat, den es statt eines Speisewagens gab, hatte längst nichts mehr, das als essbar bezeichnet werden konnte.

Sie legte sich ihre Jacke wie eine Decke über und versuchte eine bequeme Position zu finden. Sira beschloss, zu schlafen. Sie schloss die Augen. Sie brannten unter den Lidern. Sie hatte versucht zu lesen, es war ihr jedoch schwer gefallen, sich zu konzentrieren. Ständig drangen die Wortfetzen der anderen zu ihr. Manchmal glaubte sie, hinter sich eine bekannte Stimme zu hören. Doch sie sah sich nicht um. Sie wollte hier niemanden kennen. Sie war auf dem Weg ins Unbekannte, nachdem alles, was ihr bekannt, ja vertraut gewesen war, versunken war in dem Moment als Martin…Sie riss die Augen wieder auf. Nein! Sie wollte jetzt nicht an Martin denken. Jetzt nicht und eigentlich nie wieder. Doch wenn sie ehrlich war, drehten sich ihre Gedanken schon den ganzen Tag um ihn und alles, was passiert war. Wie viele Jahre sie gebraucht hatte, um zu begreifen und fast noch einmal so viele, um das  Ganze zu durchbrechen. Es war Martin jedes Mal aufs Neue gelungen, sie mit seinem Charme einzuwickeln. Er konnte so wundervoll sein. Sie erinnerte sich wie alles begann: damals nach der Party hatte sie eine ganze Weile nicht wieder gesehen. Sie hatte ihn sogar schon fast vergessen als er plötzlich eines Tages vor ihr stand oder viel mehr hinter ihr, in der Bibliothek als ihr die Bücher, die sie sich auf den Arm gestapelt hatte, ins wanken gerieten und herunterfallen wollten, fing er sie auf und sagte: „Hoppla, junge Frau!“ lächelte sie an und sagte: „Haben Sie sich da vielleicht ein wenig viel vorgenommen?!“ Er schob die Bücher zurück auf ihren Arm, ohne sie zu berühren und trat ein wenig zurück. Sie sah ihm in die Augen und erkannte ihn. „Danke!“ sagte sie. Sie betrachtete ihn. Er war wirklich deutlich älter als sie. Mindestens zehn Jahre. Die Fältchen um seine Augen verrieten es ihr. Warum war der denn auf Ann-Luises Party gewesen? Er räusperte sich. „Entschuldigung,“ sagte er immer noch lächelnd: „Stimmt etwas mit meiner Frisur nicht?“ Dabei fuhr er sich mit der Hand über die Stirn und schob eine dunkelblonde Haarsträhne zurück.

„Oh…nein!“ erwiderte Sira schnell. „Mir fiel nur gerade ein, dass mir noch ein  Buch fehlt…“ Sie sah sich um. Suchte eine Möglichkeit, ihren Stapel abzustellen.

„Wissen Sie was?!“ schlug er vor: „Sie geben mir Ihren Stapel. Ich bringe ihn schon mal nach vorn und Sie holen das vergessene Buch!“ Dabei griff er schon nach den Büchern. Als sich ihre Finger berührten, hielt er ganz kurz inne und sah ihr in die Augen. Sie ließ die Bücher los, damit sie nicht erneut ins Schwanken kämen. Schaute ihn misstrauisch an.

„Na los! Gehen Sie!“ und dann drehte er sich um und zog mit ihrem Stapel davon.

Verblüfft sah sie ihm hinterher. Dann zog sie los, um das letzte Buch auf ihrer Liste zu suchen, fest überzeugt, dass er den Stapel irgendwo abstellen und sich dann davon machen würde.

Doch als sie zehn Minuten später zur Registration kam, stand er dort – neben sich den Bücherstapel – und flirtete mit der Bibliothekarin. Einer ziemlich betagten Dame mit Dutt, die ihn anhimmelte.

„Werte Fahrgäste! Wir können eine Weiterfahrt vorläufig nicht realisieren. Deshalb werden Sie einen Übernachtungsgutschein der Deutschen Bahn in einem nahe gelegenen Hotel zur Verfügung gestellt bekommen. Bitte machen Sie sich zum Ausstieg bereit! Wir werden Sie mit Bussen zum Hotel befördern.“

Mit einem Knarksen verstummte der Lautsprecher. Menschen schauten verschlafen um sich. Sira blinzelte. Einige waren schon dabei, ihre Taschen zu ordnen.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

2 Kommentare zu „Zugfahrt #3

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