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Stillstand – abcEtüde 40.41.22 #1

„Mit den Jahren wird man ja schlauer“ sagte Elisabeth, während sie den Teller mit dem Handtuch trocknete. Sie ging nicht davon aus, das Stefan sie hörte. Zumindest tat er immer so als wäre er absolut nicht Multitasking fähig, wenn er in den Fernseher starrte, die 25. Zeitlupe von irgendeinem Tor oder einem Foul oder einem Abseits oder was auch immer gerade wiederholt wurde, ansah. Ein bißchen taub schien er tatsächlich mit den Jahren auch geworden. Dabei waren sie noch gar nicht so alt. 42 …“im besten Alter“…sagte man das nicht früher so? überlegte Elisabeth als Stefan aus dem Wohnzimmer rief:
„Nee, das geht nicht genauer!“
Hatte er wieder Kauderwelsch verstanden.
Elisabeth ignorierte ihn und sprach einfach weiter:
„Man merkt, was passt und was nicht mehr passt.“ Sie stellte den Teller in den Schrank, griff sich den nächsten und sagte: „Ich will nicht alt und behäbig werden, ohne das Leben gefühlt zu haben!“
Sie drehte den Teller zwischen den Händen. Ihr Blick fiel aus dem Fenster. Flaches Land. Freies Feld. Herbstlaublichternde Bäume entlang einer Straße, die nirgendwohin zu führen schien.
„Wie mein Leben“ sagte sie laut. Sie stellte den Teller mit einer Sanftmut ab als wollte sie ihn streicheln. Stutzte über ihr eigenes Tun. Unterdrückte den plötzlich aufkeimenden Wunsch, laut zu schreien.
Plötzlich stand Stefan in der Tür.
Er ging auf sie zu. Nahm ihr das Handtuch aus der Hand. Hängte es sorgfältig über den Stuhl.
Dann drehte er sich zu ihr um. Hob sanft ihr Kinn an, so dass sie ihn ansehen musste.
Sekundenlang sahen sie sich in die Augen.
Die Zeit schien still zu stehen.
Dann nahm er sie bei den Händen und sagte:
„Komm! Lass uns gehen! Die Zeit genießen, das Leben verprassen und atemlos sein!“

Sie liefen los.

Eine Geschichte im Rahmen der Schreibeinladung von Christiane zu den abcEtüden.

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Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

18 Kommentare zu „Stillstand – abcEtüde 40.41.22 #1

  1. Sehr schön beschriebene Situation!
    Man sollte die Männer nie unterschätzen. Vielleicht nicht multitaskingfähig, aber hören, was sie nicht hören sollen, das funktioniert😉
    Gedanken über nicht gelebtes oder verpasstes Leben kommen meist erst in späteren Jahren, deshalb doppeltes Glück: Ein Mann, der zuhört und handelt👍!

    Gefällt 1 Person

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