Eine Besuch im Zoo – Extraetüde #22/22 #1

Oskar stand seit Minuten im Bad und kämmte sein Haar zu einem ordentlichen Scheitel. Seine kleinen, noch kinderspeckigen Finger strichen über den widerspenstigen Wirbel an seiner Stirn, der partout nicht liegen wollte.
„Mama!“ rief er zur Tür hinaus: „Kannst du bitte mal kommen!“ und deutlich ist der Zorn in seiner Stimme zu hören. Tränen standen in seinen Augen, die begannen auf den Ablagen des Badschrankes nach irgendetwas zu suchen, mit dem er seine Frisur bändigen könnte, während er noch einmal rief:
„Mama!“ nachdrücklich, mit überschlagener Stimme.
Endlich fand er das Haarwachs.
Dann hörte er die Schritte seiner Mutter auf der Treppe. Schnell stellte er die Dose wieder weg. Stolz das Problem selbst behoben zu haben, sah er ihr entgegen und fragte mit der Lässigkeit eines Sechsjährigen:
„Was sagt der Wetterbericht?“ ohne zu ahnen, dass die Tränen seine Augen irisieren lassen.
„Deswegen hast du mich gerufen?“ fragt seine Mutter zweifelnd.
„Naja“ macht der Kleine: „Du weißt doch: Papa will doch mit mir zu den Giraffen und wenn es regnet, macht er das bestimmt nicht:“
Sie sieht die Hoffnung in seinen Augen und kann sich doch nicht verkneifen zu sagen:
„Wer weiß, ob dein mondsüchtiger Herr Papa, es überhaupt schafft, hier pünktlich zu erscheinen“ doch sofort tut es ihr leid, denn die Tränen drücken sich langsam über Oskars Wimpern. Schnell fügt sie hinzu:
„Nein. Es wird nicht regnen. Es wird schön, du wirst sehen!“
Sie nimmt seine kleine Hand und drückt sie sanft, während sie hofft, das Julian überhaupt erscheint. Zu oft schon hat er einfach „vergessen“, dass es sein Papa-Tag war und seinen Sohn enttäuscht, auf den er angeblich so viel Wert legt, dass er sogar einen Sorgerechtsstreit angefangen hatte. Aber auch da hatte er mehrere Termine versäumt, so dass sie sich kaum Sorgen machen musste.
Nur für Oskar tat es ihr leid. Er war einfach zu klein, um zu verstehen, was vor sich ging und schwankte immer wieder zwischen Wut auf sie oder auf Julian, den er trotz allem für seinen großen Helden hielt. Diesen Rocker in Leder, der mit Bands tourte und die Termine vergaß, obwohl seit knapp zwei Jahren gar keine Konzerte stattfanden. Julian hatte Glück, dass Oskar darüber nicht nachdachte und ihm jede Ausrede glaubte.
„Was heißt mondsüchtig, Mama?“ mit diesen Worten riss er sie aus ihren Gedanken, während er sie an der Hand in sein Zimmer zog, seinen Kleiderschrank öffnete und fragte:
„Kann ich das anziehen?!“ dabei zog er eine schwarze Lederhose hervor, die er von seinem Vater geschenkt bekommen hatte.
„Das wird sicher viel zu warm“ wandte Lisa ein.
„Orr Mama! Bitte!“ flehte Oskar als es an der Tür klingelte. Sofort rannte Oskar die Treppe hinunter in der Erwartung, dass sein Vater superpünktlich vor der Tür stehen würde, doch es war nur der Postbote, der hier auf dem Land noch klingelte, statt das Päckchen einfach in den Briefkasten zu quetschen.

Eine Geschichte im Rahmen der Schreibeinladung zu den Extraetüde der Woche 22/22 von Christiane.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

13 Kommentare zu „Eine Besuch im Zoo – Extraetüde #22/22 #1

  1. Mich machen die Verzweiflung und die Hoffnung (und die Liebe) die da durchschimmern, so wütend für den Kleinen. Ich hoffe sehr, dass der Herr Papa sich an sein Versprechen erinnert und er heute zu den Giraffen kommt … 🦒🦒🦒
    Sehr aus dem Leben. Vielen Dank!
    Mittagskaffeegrüße 🌦️🌳☕🍪🌼👍

    Gefällt 1 Person

  2. Och, menno! Da möchte ich auch gleich ganz kindlich mit dem Fuss aufstampfen. Toll geschrieben, von den kinderspeckigen Fingern bis zum Wirbel über der Stirn ist dir das Kind und seine Sehnsucht so zu Herzen gehend lebendig gelungen!

    Gefällt 1 Person

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