Entgiftung – abcEtüde 12.13.22 #1

Entgiftung

Konstantin saß in seinem Schreibstuhl und starrte seit einer halben Stunde die Birke vorm Fenster an. Ein leichter Wind ließ ihre filigranen Zweige sanft schaukeln. Vom Garten her, den er hier aus dem Dachgeschoß nicht sehen konnte, roch es blumig, denn der Frühling zog überall ein und die Krokusse blühten. Das alles zusammen hatte eine leicht hypnotische Wirkung. Deshalb dämmerte Konstantin schläfrig vor sich hin und dachte nach. Ziellos. Über dieses und jenes, das seine Schwermut mit jedem Gedanken intensiver werden ließ.
Er erschrak als Elisa ihn ansprach:
„Was starrst du Löcher in die Luft? Warum schreibst du nicht, wenn du dich schon für Stunden hier verkriechst?“ wollte sie mit einem leicht genervten Unterton wissen.
Er erwachte nur mühsam aus seiner Trance. Räusperte sich und behauptete mit fester Stimme, wie er hoffte:
„Ich denke nach!“
„Aha“ Elisa stemmte die Hände in die Hüften: „Und worüber? Wenn ich fragen darf…“
„Darfst du“ bestätigte er und streckte sich: „Über das Leben und warum alles so kommen musste.“ Er seufzte.
„Ach Junge!“ schnaufte seine Mutter jetzt: „Hör doch auf damit! Du kannst es doch nicht ändern und wenn Marian jetzt lieber mit einer Frau glücklich werden will, dann ist das eben so.“
Sie setzte sich in einen Sessel:
„Schau!“ begann sie: „Wenn jemand geht, dann heißt das nicht, das jemand etwas falsch gemacht hat. Es heißt nur, dass es nicht mehr passt. Daran ist niemand Schuld. Es ist einfach so.“
Konstantin verdrehte die Augen.
„Das ist mir zu einfach, Mama“ erwiderte er: „Er hätte doch…“
Mit einer energischen Geste wischte sie seine Argumente weg:
„Papperlapapp!“ sagte sie kategorisch: „Es ist wie es ist. Sieh, mit deinem Selbstmitleid änderst du gar nichts. Du musst dich ja regelrecht entgiften von ihm, sonst wirst du nie mehr glücklich!“
Damit stand sie auf und verließ das Zimmer wieder.

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Eine Geschichte im Rahmen der Schreibeinladung von Christiane.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

17 Kommentare zu „Entgiftung – abcEtüde 12.13.22 #1

  1. Ich kann Leute nicht ausstehen, die immer alles besser wissen und den zweiten Schritt vor dem ersten machen. Wenn er erst mal rumsitzen und kapieren muss, was passiert ist, dann ist das halt so. Ich sehe nicht, dass er in Selbstmitleid ersäuft, jedenfalls nicht so, wie du das beschreibst. Manche Menschen brauchen bisschen, gerade bei wichtigen Dingen. 🤔👍
    Nachmittagskaffeegrüße 😉🌞☕🍪🌼👍

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  2. Schuldgefühle sind immer ein schlechter Ratgeber. Der Frühling hat Einzug gehalten. Das ist doch etwas Schönes. Und Konstantin wäre sicherlich nicht glücklicher, wenn Marian nur aus Mitleid mit ihm darauf verzichtet hätte, seinem Herzen zu folgen und dort geblieben wäre. Vielleicht hält der Frühling ja auch für Konstantin etwas Neues bereit …?

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  3. Einer Trennung
    gehen viele (innere) Trennungen voraus. Hätte er nicht merken müssen, dass es Risse in der Beziehung gibt? Ich habe ein komisches Gefühl, wenn man sich von jemanden ‚entgiften‘ muss. Oder ist der Ausdruck dem Alter der Mutter geschuldet?🤔

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