Das blaue Wunder – abcEtüde 03.04.22 #2

Das blaue Wunder

Jennifer stand im Gemeinschaftsraum und wollte gerade mit dem kleinen silbernen Dessertlöffel in ihren Wackelpudding stechen, als Jaro den Raum betrat.
Hastig drehte sie sich weg. Sie überlegte fieberhaft, ob sie so tun sollte, als würde sie nur das Verfallsdatum prüfen wollen und ihn wieder zurückstellen in den Kühlschrank.
Sie spürte wie sie rot wurde.
Die Situation war ihr so unendlich peinlich: sie wäre am liebsten im Boden versunken. Musste ausgerechnet er sie beim Essen erwischen?
Jaro arbeitete erst seit einigen Tagen auf ihrer Station. Vom ersten Tag an knisterte die Luft im Raum, sobald sie sich beide darin befanden – auch wenn Jaro immer so tat als spüre er dies nicht. Deshalb ging er auch jetzt unverdrossen zur Kaffeemaschine und goss sich Kaffee in einen mitgebrachten Becher. Dann drehte er sich um. Jennifer dachte schon, er würde einfach wieder gehen, hätte sie gar nicht bemerkt.
Doch er lehnte sich an die Küchenzeile und lächelte sie an.
Nun schoss ihr das Blut heiß ins Gesicht.
Seine tiefdunklen Augen strahlten sie an. Er öffnete den Mund, sagte etwas, doch das Rauschen ihres Blutes war so laut in ihren Ohren, dass sie ihn nicht gleich verstand. Sie schluckte. Grinste sie? Sah das blöd aus? Gut, dass kein Spiegel im Raum war. Sie schluckte.
„Entschuldige“ brachte sie hervor: „Was hast du gesagt?“
„Welche Geschmacksrichtung ist denn blauer Wackelpudding?“ wiederholte er seine Frage.
„Heidelbeer“  entsprang es ihrem Mund, als müsste sie schnell sein, um zu punkten. Gerade noch konnte sie sich zurückhalten, ihn zu fragen, ob er mal kosten wolle, Da sagte er:
„Kann ich mal kosten?“
Er trat an sie heran.
Sie konnte nur nicken.
Er nahm ihr den Löffel aus der Hand. Stach ein klitzekleines Stückchen an, steckte es sich in den Mund, zwinkerte ihr zu, raunte:
„Dankeschön!“ und ging.

Eine Geschichte im Rahmen der Schreibeinladung von Christiane.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

20 Kommentare zu „Das blaue Wunder – abcEtüde 03.04.22 #2

  1. Ich verstehe nicht, warum sie in seiner Gegenwart nicht essen kann, sehen wir mal von der Tendenz von Lebensmitteln ab, sich im ungeeignetsten Moment selbständig zu machen … 😉
    Aber hui, da ist Spannung drin, da schließe ich mich Tanja an …
    Sehr schön! 😁👍
    Nachtgrüße 😁✨🌕☁️🍷🍪👍

    Gefällt 2 Personen

    1. Also ich kenne das, dass es mir 19jährig immer peinlich war in Gegenwart anderer/Fremder zu essen. Daraus ist der Gedanke entsprungen.
      Ich kann mir aber auch vorstellen, dass junge Frauen im Hinblick auf ihre Körperzufriedenheit, nicht als „verfressen“ oder fett gelten wollen…

      Gefällt 1 Person

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