Statt der Liebe – abcEtüde 46.47.21 #1

Statt der Liebe

„Ich kann mich nicht erinnern, jemals gern in einem Museum gewesen zu sein“ sagte Katharina trotzig, während sie das riesige beeindruckende Gebäude betrachtete.
„Dieses hier wird dir gefallen!“ behauptete Manuel und wollte nach ihrer Hand greifen, doch sie steckte sie demonstrativ in die Tasche und senkte den Kopf.
„Du kannst doch einfach allein gehen“ schlug sie vor.
Er atmete schwer aus, um Fassung bemüht. Es machte ihn wütend und zugleich war er einfach nur enttäuscht. Jedes Mal musste sie deutlich machen, dass es sie nicht interessierte, was er wollte. Selbst die Reise nach Paris hatte sie eher zurückhaltend bejaht. New York wäre ihr lieber gewesen.
„Dann bin ich aber bestimmt zwei bis drei Stunden verschwunden“ sagte er nur resigniert.
„Gut!“ sagte sie zu neuer Vitalität erwacht: „Dann treffen wir uns in drei Stunden am Café de Flore!“ Sie machte einen Schritt auf ihn zu und küsste ihn flüchtig auf die Wange und ging davon, ohne sich umzusehen.
Er sah ihr nach.
Drei Jahre waren sie jetzt zusammen.
Er hatte das Gefühl: sie gingen dahin!
Mit ihr.
Es machte ihn traurig.
Doch er konnte nicht umhin, einzusehen, dass die Beziehung soeben ein Ende fand. In seinem Herzen setzte Stille ein. Die Schwere, die sich ausbreitete, schraubte seine Füße fest und er konnte sich nicht bewegen. Hatte er doch die Reise arrangiert, weil er glaubte, ihr einen Antrag machen zu wollen – in der Stadt der Liebe. Er lachte düster auf. `Das war ja wohl nichts!` dachte er bitter: `Aber besser jetzt als…`er wollte diesen bösen Gedanken nicht zu Ende denken und zwang sich stattdessen, sich zu bewegen, ging ein paar Schritte und dachte dann: `Sollte ich je ein biografisches Buch schreiben, wirst du nicht darin vorkommen!`

Eine Geschichte im Rahmen der abcEtüden auf Schreibeinladung von Christiane.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

14 Kommentare zu „Statt der Liebe – abcEtüde 46.47.21 #1

  1. Das ist bitter, sich eingestehen zu müssen, dass die Partnerin nicht am gleichen Strang zieht wie man selbst – und es vermutlich auch nie tun wird. Die Frage ist nur: Muss man sich deswegen trennen, oder kann man das unter einen Hut bekommen? Wenn die Basis dieser Beziehung sonst breit genug ist, sollte es doch kein Hinderungsgrund sein, dass er lieber durch Museen wandert, während sie etwas anderes macht – oder? (New York hat tolle Museen!) Aber natürlich verstehe ich, dass er mit ihr teilen will, was er liebt, und dann verstehe ich wiederum sie nicht, dass sie nicht ihm zuliebe mitgeht 🤔
    Hm.
    Drei Jahre sind auch nicht wenig …
    Deine Etüde wirft viele andere Fragen auf, lieber Kain, ich mag das sehr, vielen Dank! 😁👍
    Sonntagmittagkaffeegrüße 😁🌤️🍁☕🍪👍

    Gefällt 3 Personen

    1. Zunächst einmal freue ich mich sehr, dass meine Etüde so viele Fragen aufwirft und so reges Interesse findet…interessant auch deshalb, weil mir manchmal die Idee erst beim Schreiben wächst und ich – außer dem 1. Satz – gar nichts hatte.
      ich wollte diesen Moment beschreiben, in dem es im Herzen so richtig „Knack“ macht und man einfach weiß: es ist vorbei!
      Natürlich passiert das oft im Urlaub, weil der Alltag einiges zudeckt. Vielleicht ist es vorher gar nicht so aufgefallen.
      Drei Jahre sind oft eine entscheidende Zeit…

      Gefällt 2 Personen

  2. Oh, die Geschichte ist gut geschrieben, aber hart. Ich hätte gedacht: Er würde ihren Kuß als Zeichen nehmen, sie dort im Cafe‘ anzutreffen. War dies nicht eigentlich ein „Zeichen“ dafür?
    Oder vielmehr dafür: Einmal ihre Motive näher kenne zulernen?

    Gefällt 1 Person

  3. Da scheiden sich buchstäblich die Geister.
    Gut und nachvollziehbar finde ich das beschrieben, wie die Enttäuschung gerade an diesem wichtigen Punkt, unmittelbar vor dem Heiratsantrag, so schwer wiegen konnte.
    Bei einem simplen Wochenende ohne idealisierende Erwartungen wäre es vielleicht so nicht gekommen, aber da du schreibst, sie reagierte „trotzig“, stelle ich mir vor, dass partnerschaftliche Kompromisse nicht ihrem Konzept entsprechen, wenn sie emotionale Erpressung als Druckmittel anwendet.

    Gefällt 1 Person

  4. Wenn das schon lange so geht, dass sie ihm stets deutlich zu verstehen gibt, dass sie überhaupt nicht interessiert ist an dem, was ihm gefällt, dann ist es wohl in der Tat besser, diese Beziehung zu beenden. Oder ist es vielleicht so, dass er während der drei Jahre viel zu oft seine Interessen weitaus wichtiger genommen hat als die ihren? Auch dann hätte diese „Liebe“ vermutlich keine Zukunft, keine gute und schöne zumindest…
    Deine Etüde gefällt mir sehr, lieber Kain.

    Gefällt 2 Personen

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