Amtswege – abcEtüde 42.43.21 #2

Amtswege

Nervös strich er sich über die schwitznasse Halbglatze und starrte abwechselnd auf die rotleuchtende Nummer auf der Anzeigetafel und den kleinen blauen Zettel in seiner Hand. Es würde wohl noch eine Stunde dauern. Es zermürbte ihn, hier zu sitzen, zwischen all den Verzweifelten, zu denen er niemals gedacht hätte, jemals gehören zu müssen. Er sah sich um: ein Sammelsurium, in das er am wenigsten passte.
Plötzlich ein quietschendes Fiepsen, das klang als würde ein Kind flöten – ohne jedes Talent. Die Nummer auf der Anzeigetafel wechselte, übersprang zwölf Zahlen und auf einmal war er dran. Tatsächlich ertönte ein zweites flöten und eine automatisch klingende Stimme verkündete:
„Nummer viertausendreihunderteinundzwanzig, Zimmer 3 bitte!“
Er stand auf, straffte sich und ging den Gang entlang. Klopfte, öffnete und trat ein.
Eine Mitfünfzigerin saß hinter ihrem Schreibtisch und blickte auf:
„Ah! Herr…“ sie stockte und warf einen Blick auf die Akte: „Biedermeier. Nehmen Sie Platz! Haben Sie Ihren Antrag dabei?“
Er ging zu dem angewiesenen Stuhl setzte sich, nahm seine Aktentasche und nahm den Antrag heraus. Er reichte ihn über den Tisch.
„Mein Name ist Gertrude Bauer“ murmelte die Sachbearbeiterin, während sie den Antrag durchsah: „Ich bin Ihre persönliche Betreuerin, bis Sie wieder selbständig leben können. Sie haben alle Termine pünktlich einzuhalten und mindestens fünf Bewerbungen in der Woche nachzuweisen!“
Er schluckte.
Sie sah auf: „Haben Sie das verstanden?“
Er nickte.
„Gut!“ stellte sie fest: „Ich sehe Sie sind Musiker. Hm…brotlose Kunst in diesen Tagen.“ Sie grinste niederträchtig über ihren eigenen Witz: „Sind Sie bereit auch eine Ausbildung berufsfremd zu machen?“
Er nickte wieder.
„Sehr schön!“ Sie nahm die Computermaus in die Hand, wischte, klickte und begann dann aufzuzählen:
„Da hätten wir: LKW-Fahrer, Rettungssanitäter, Pflegehilfe…“

Eine halbe Stunde später ging der Klarinettist Harald Biedermeier die Flure des Jobcenters als zukünftiger Intensivpflegehelfer hinunter.

Eine Geschichte im Rahmen der Schreibeinladung von Christiane.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

6 Kommentare zu „Amtswege – abcEtüde 42.43.21 #2

  1. Jessas … so schlimm ist es geworden ?
    Nö – war rhetorisch dahingeschrieben, um nostalgisch mich jener Zeiten zu erinnern, als ich mit dem Jaguar beim Jobcenter vorfuhr, damals ‚Arbeitsamt‘, um die angebotenen Hilfsarbeiterjobs abzulehnen, dennoch Geld als Überbrückungshilfe bekam, und keine Schwierigkeiten hatte, einen jaguarfahrerkonformen Arbeitsplatz selbst zu finden, ohne mich an sichunterordnende Vorgaben halten zu müssen…

    Gefällt 1 Person

  2. In allen Ämtern, in denen ich jemals war, habe ich die Nummern niemals vorgelesen gehört, das ist echt eine Neuerung. Hoch lebe die Barrierefreiheit! 😩
    Der Rest: Ich weine. Vom Musiker zum Intensivpfleger als Quereinstieg: Warum nur habe ich das Gefühl, dass alles irgendwie den Bach runtergeht?
    (Sorry, war gestern Abend nicht mehr zum Lesen online.)
    Morgenkaffeegrüße 😁⛅☕🍪👍

    Gefällt 1 Person

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