Realitätsfern – abcEtüde 40.41.21 #3

Realitätsfern

„Die Realität, meine liebe Judith, ist nichts für uns Geheimkünstler!“ sagte er mit tiefster Überzeugung: „Sehen Sie uns doch an! Passen wir etwa in diese Welt? Oder in irgendeine andere?“
Er musterte sie vielsagend, während sie Luft holte, um etwas zu antworten. Doch er kam ihr zuvor:
„Schweigen Sie und lernen Sie!“ er stand auf, klemmte seine Daumen hinter die Hosenträger und begann im Raum auf und ab zu gehen, als setze er zu einem längerem Vortrag an:
„Glauben Sie mir! Ich habe schon einige Realitäten gesehen und sie alle waren nur eines: Fürchterlich sperrig und nicht geeignet uns ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Sehen Sie sich doch an!“ er machte eine Pause als wolle er ihr Gelegenheit geben, sich selbst zu betrachten: ihre blauen Haare, die gelbgrünen Augen mit den ovalen Pupillen in einem puppenhaften Gesicht mit burgunderroten Lippen waren eine nahezu perfekte Traumgestalt. Er sprach mit ruhiger sonorer Stimme weiter:
„Nur die Traumwelt gibt uns Raum und Zeit, uns zu entwickeln und eine Wirklichkeit zu gestalten, für die es sich zu existieren lohnt! Wenn wir sie verlassen; was uns manchmal naive Neigungen und überschwängliche Gefühle zu suggerieren versuchen, zerfallen wir – sobald die Realität unsere Seele berührt – zu Staub und fallen der Vergessenheit anheim.“
Judith senkte Blick und Kopf.
Sie hatte keine Lust mehr etwas zu erwidern. Sie ließ seine Worte einfach über sich ergehen.
„Es obliegt uns – mir und Ihnen – die Realität ein wenig bunter und besser zu machen, indem wir den Menschen Träume geben, für die es sich zu leben lohnt und so machen wir diese raue, brutale Welt zu einem Ort voller Visionen, die die Menschen ohne uns nicht hätten. Das! Meine liebe, ist unsere Mission!“

Eine Geschichte im Rahmen der Schreibeinladung von Christiane.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

10 Kommentare zu „Realitätsfern – abcEtüde 40.41.21 #3

  1. Ja, einerseits ja, die Fantasie macht, dass man vieles überhaupt erst aushält, andererseits aber verändert eine Realitätsflucht absolut nichts, wenn man nicht zurückgeht und sich stellt – und das wird nicht leichter, je länger man es aufschiebt …
    Hm. Verstehe ich dich eigentlich jetzt völlig falsch? 🤔😉
    Abendgrüße 😁✨🍷🍪👍

    Gefällt 1 Person

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