Etüdensommerpausenintermezzo – Wellengang

Wellengang

Wie ich es mir vorstelle:

Noch bevor die Vögel des Geisterwaldes zu ihrem allmorgendlichen Konzert anstimmten, waren wir losgegangen. Hatten die Stille genossen. Die letzten verhuschten Glühwürmchen bewundert. Dem langsamen Erwachen des Tages zugeschaut. Genossen, so ziemlich allein zu sein.
Alle Gedanken vergingen. Nur noch das Leben, das Rauschen des Waldes und das leichte Tosen der Wellen in der Ferne erfüllten mich.

Wir gingen still vor uns hin. Zeigten nur hier und da mit Finger auf etwas, das wir im Gebüsch oder an den Bäumen entdeckten. Ein Baumläufer, der den Stamm eines Baumes hinauf lief. Eilig, als hätte er Besorgungen zu machen. Ein Kleiber, der am Boden saß und hin und wieder hart in die mit Laub bedeckte Erde pickte.
Manchmal musste ich mir einen Ausruf der Freude verkneifen. Selten hatte ich so viel Schönes gesehen.
Mein Rücken, der sonst schon nach wenigen Laufmetern oft schmerzhaft herumzickte, blieb ganz entspannt.
Selbst als ein leichter Regen einsetzte, wir die Kapuzen aufzogen, unbeirrt weiterliefen, die Feuchtigkeit langsam in alle Poren kroch und uns durchnässte, spürte ich keinen Schmerz.
Meine Lebensgeister waren frisch erwacht wie der Tag.

Schließlich kamen wir an den Rand der Steilküste und vor uns lag das Meer: die Ostsee.
Der Respekt gebot, nicht einfach einen Kletterversuch zu unternehmen, sondern zurück zu gehen, bis wir einen offiziellen Abstieg fanden.
Der Wind wehte landeinwärts. Ich sog tief die Meeresluft ein. Das Donnern der Wellen in den Ohren gingen wir den Strand entlang.
Tief empfundene Freiheit durchströmte mich.
Hier für immer bleiben können, wäre mein sehnlichster Wunsch.

Wir fanden eine Stelle, an der wir uns niederlassen wollten.
Setzten uns.
Legten die Rucksäcke ab.
Lauschten dem Meer.
Meine Gedanken schweiften hin und her.
Reine Willkür brachte meine tiefsten inneren Ängste zutage:
Würde die Ostsee, die ja keine Gezeiten kannte, sich ebenso weit zurück ziehen, um dann in einer riesigen Welle über das Land herzufallen und Menschen, Tiere, alles Leben mit sich zu reißen? Wäre ein Tsunami auch hier möglich?
Diese von mir so geliebte Ostsee…Frank Schätzings Roman, den ich so lange nicht gelesen hatte, weil bei seiner Erscheinung alle so übersprudelten vor Begeisterung und ich Hypes jeder Art verachtete, hatte mich tief beeindruckt und seitdem meine Ängste vor „dem Untergang der Welt“ – wie lächerlich dramatisch das Klang – geschürt.
Das Stehenbleiben des Golfstroms stand kurz bevor. Würde früher Eintreten als berechnet, so hieß es neuerdings in einigen Medien.
Die verschiedenen Politiker, die im Moment keine anderen Sorgen zu kennen schienen, als um die Gunst der Menschen für ein schnödes Kreuz zu buhlen, ignorierten es geflissentlich. Obwohl im Ahrtal Wasser – dieses Lebenselixier – gerade so viele Menschen um alles gebracht hatte.
Nur eine hat kein anderes Thema und wird deshalb verteufelt.
Dabei bleibt uns doch eigentlich keine andere Wahl.
Alternativen sah ich keine.

Ich sah auf.
Trotz des Wellengangs, den der Wind erzeugte, empfand ich das Meer als friedlich, tröstlich, hoffnungsvoll.
Vielleicht aber …
Doch ich wollte diesen Gedanken nicht zu Ende denken.
Ich stand auf.

Weit hinten am Horizont, wo das Blaugrau des Himmels in die Wellen tauchte, erschien ein Halo wie ein Wetterleuchten.
Ich lächelte und ging an den Strand.
Im Sand vor mir lag ein Stein, der aussah wie ein Herz.
Der Wind wehte mir die Haare aus dem Gesicht.
Offen und frei sah ich hinaus.

Wann würde die Menschheit wohl aufhören, sich ein Eigentor nach dem anderen zu schießen?

Wie sehr ich das alles verdrängt hatte in den letzten anderthalb Jahren.
Nun brausten die Gedanken heran wie die Wellen. Doch sie zogen sich auch wieder zurück.
Was bleibt, ist der unbändige Wunsch nach Leben.

Eine Geschichte im Rahmen der Schreibeinladung von Christiane.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

11 Kommentare zu „Etüdensommerpausenintermezzo – Wellengang

  1. Was für ein wohltuender Text. Ich bin in Gedanken mitgegangen. Vieles von dem, was du du beschreibst und ansprichst, kann ich teilen.
    Auch der Herzstein ist sehr berührend. 🧡
    Danke, dass du mitgeschrieben hast! 😁👍
    Nachmittagskaffeegrüße 😁🌤️⛵🌳🌼☕👍

    Gefällt 1 Person

  2. Ein Text , in dem ich mich sehr wiederfinde, danke dafür. „Der Schwarm“ hat auch bei mir tiefen Eindruck hinterlassen.
    Etwas anderes auch:
    Vor einigen Jahren in der Nähe von Maasholm sah ich ein gutes Stück inlands Hochwassermarken. Die Sturmflut lag zwar schon gut hundert Jahre zurück, aber die Ostsee, die kann sehr wohl.
    Und Jahr für Jahr beißt sie mehr Steilküste ab.

    Gefällt 2 Personen

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