Etüdensommerpausenintermezzo – Luisa

Luisa trat in die Pedale.
Der Wind wehte durch ihr Haar, das ganz verschwitzt war von der langen Fahrt, und im Nacken klebte. Zweiunddreißig Kilometer waren wohl doch ein wenig zu viel für einen untrainierten Menschen wie sie. Da hatte sie sich mal wieder ein schönes Eigentor geschossen.
Doch nun war es zu spät, um umzukehren.
Sie würde es schaffen!
Weil sie es wollte.
Sie wollte an den Ort zurückkehren, an dem alles begonnen hatte.
Sie hatte keinerlei Erinnerung an diesen Ort. Es war schon so lange her. Kein einziges Bild fand sich in ihrem Kopf. Nur dieser Name: Pferdewiehl.
Ein kleiner unbedeutender See. Nur den Ortsansässigen bekannt.
Alle Kinder der umliegenden Dörfer lernten dort schwimmen. Den Größeren diente es als Abkühlung und Treff. Erwachsene traf man hier kaum. In den letzten Jahrzehnten gab es immer wieder einmal Ärger mit dem Anglerverein, der das Gewässer für sich beanspruchte. Inzwischen wies die Karte es als „Fichtenwiel“ aus; warum erschloss sich Luisa nicht. Wahrscheinlich war es reine Willkür.
Sie trat eifrig weiter in die Pedale, obwohl ihr alles weh tat. Vor allem ihr Hintern. Langsam verließ sie die Kraft. Laut Navi lagen noch acht Kilometer vor ihr und sie freute sich schon darauf, sich am See abzukühlen.
Sie hob den Kopf.
In der Ferne sah sie ein vages Wetterleuchten. Die Luft roch ein wenig nach Regen.
Luisa war sich nicht sicher, ob es eher Wunschdenken war. Sie wünschte sich Regen. Er könnte ihre Lebensgeister wecken. Sie weiterbringen. Die letzten Kilometer zu schaffen.
Ihre Gedanken wanderten in der Zeit zurück.
Je näher sie kam, umso intensiver wurden die Erinnerungen.
Doch der Hintergrund fehlte in ihren Bildern.
Sie sah nur Henriks entsetzte Augen.
Sah das Wasser über seinem Kopf zusammenschlagen.
Alles war ganz still abgelaufen. Gespenstisch still.
Niemand sah zu ihnen herüber.
Niemand nahm Notiz von dem, was sich dort abspielte.
Sie selbst brachte nur krächzende Laute heraus, die niemand wahrnahm.
Sie lief am Ufer hin und her.
Vollkommen machtlos.
Sah zu wie ihr Bruder unterging.
Tränen liefen über ihre Wangen als der Regen einsetzte.
Sie trat und trat und hatte das Gefühl rückwärts zu fahren.
Niemals anzukommen.
Sie wusste nicht, ob die Verzweiflung, die sie empfand, jetzt geboren war oder aus ihren Erinnerungen entsprang.
Henrik war noch einmal aufgetaucht.
Sie stand wie versteinert.
Dann war er weg.
Der See lag ruhig. Keine Welle verriet etwas.
Und endlich – endlich! waren zwei Jungs an ihr vorbei gerannt. In den See gehechtet. Zu der Stelle geschwommen. Hatten nach Henrik gesucht. Ihn gefunden. Rausgezogen. Ans Ufer geschleppt. Sie hatten ihn wiederbelebt. Einer war auf sein Fahrrad gesprungen, um einen Arzt zu holen.
Niemand achtete auf sie.
Sie saß und weinte.
Als sie endlich am See ankam, der sehr nah an der Straße lag und viel kleiner war als sie es sich vorgestellt hatte, gaben die Frösche schon ihr Konzert zur Nacht. Der Regen hatte aufgehört. Dämmerung brach herein. Zwischen den Bäumen war es kühl.
Sie setzte sich, nachdem sie mit den Augen das Ufer abgesucht hatte, an die Stelle, die sie für die richtige hielt. Noch immer liefen ihr Tränen über die Wangen.
Henrik hatte überlebt.
Das Wachkoma hatte lang gedauert.
Henrik war anders geworden.
Manche nannten ihn merkwürdig.
Aber er hatte überlebt und war noch immer ihr kleiner Bruder.
Sie hörte Autos durch die Nacht rasen.
Alles verschwamm zu einem Rauschen.
Luisa lächelte in sich hinein.
Sie sah ihn vor sich. Er war so lebensfroh.
In ihr wurde es ruhig. Sie war zufrieden.
Vor ihren Augen tanzten Glühwürmchen durch die Nacht.

(586)

Christiane lud zum Etüdensommerpausenintermezzo und gab uns 12 wundervolle Worte mit und lud zum Schreiben ein.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

19 Kommentare zu „Etüdensommerpausenintermezzo – Luisa

  1. Oh, lieber Himmel. Ich frage mich unwillkürlich, was da wirklich damals passiert ist, ob das alles so war, wie sie es (nicht) erinnert. Auf jeden Fall scheint sie zu versuchen, sich der Vergangenheit zu stellen und schlafende Hunde zu wecken, wo auch immer sie knurren, meinen Respekt. 😀👍👍👍
    Mag deine Geschichte, ich war sofort mittendrin. Vielen Dank fürs Mitschreiben! 🧡👍
    Sonntagmorgenkaffeegrüße 😁🌞🌳🌼☕🍪👍

    Gefällt 1 Person

  2. Finde ich sehr, sehr gut. Die zu verwendenden Wörter stechen überhaupt nicht heraus und du bist ohne mehr oder weniger absurde Schleifen zum Einbau unpassender Wörter ausgekommen. Der Text hat Inhalt, noch dazu berührenden Inhalt, die Sprache ist stimmig. Mein Kompliment ! Du motivierst mich, es doch auch zu versuchen …

    Gefällt 2 Personen

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