#Writing Friday 06.2021

Wandertag

Der Himmel verdunkelte sich und die Temperatur fiel innerhalb einer halben Stunde um fast zehn Grad. Eben war es noch ein netter Frühlingstag gewesen. Zweizwanzig Grad, Sonne, ein wenig Wind. Das perfekte Wetter zum Wandern.
Ariane war schon früh aufgebrochen.
Um drei Uhr morgens hatte der Wecker geklingelt. Dann war sie mit dem Auto bis zu dem Wanderparkplatz gefahren, den sie sich ausgesucht hatte. Niemand war vor ihr da. Später würde es wahrscheinlicher voller geworden sein. Doch davon wusste sie nichts. Begegnet war ihr seit circa zwei Stunden niemand.
Unterwegs hatte sie fotografiert.
Den morgendlichen Nebeldunst, der aus den Bäumen aufgestiegen war. Die wenig später aufsteigende Sonne hatte den Himmel erst rotglühend gemacht und war in orangerot gewechselt. Sie war sehr glücklich.
Doch nun ging ihr Blick immer wieder sorgenvoll zum Himmel hinauf.
Sie blieb stehen und zog die Regenjacke aus ihrem Rucksack.
Wärmen würde die sie nicht, aber zumindest den Regen abhalten, wenn er denn kam.
Da sie nun angehalten hatte, sah sie sich suchend um.
Ein paar Fotos, von dem sich zusammenbrauenden Unheil würde sie noch machen.
Sie erspähte einen kleinen Hügel zwischen den Bäumen. Beschloss ihn zu erklimmen. Machte sich auf den Weg. Sie musste ein wenig klettern. Rutschte ein paar Mal ab. Die Steine waren moosig und glitschig. Doch dann stand sie auf der Anhöhe.
Fast schwarze Wolken türmten sich über den Wipfeln.
Eine unheimliche Ruhe lag über allem.
Sie baute die Kamera auf.
Schoss ein Foto nach dem anderen.
Die ersten Blitze, die zuckten.
Die ersten, noch kleinen Tropfen, die ein leises Rauschen in die Blätter brachten.
Und dann brach alles auf und der Himmel ergoss sich auf die Erde.
Der erste Donner durchschlug die Stille mit aller Macht. Dröhnte in den Ohren, dass Ariane für einen Moment glaubte, taub zu sein.
Die Kamera wurde erschüttert von den heftig prasselnden Tropfen, die in sekundenschnelle in Hagel übergingen. Dagegen half auch das Kameracape nicht. Sie riss sie an sich und schützte sie mit ihrem Körper. Rutschte auf dem Hosenboden von dem steinigen Hügel.
Sie landete unsanft.
Der Rücken tat weh.
Sie kroch unter einen felsigen Vorsprung.
Blitz und Donner schlugen gleichzeitig ein.
Ein Baum stürzte krachend.
Schlug auf die Anhöhe über ihr auf.
Zerbrach.
Stürzte herab und traf ihr Bein, das nicht ganz unter den Felsvorsprung gepasst hatte.
ein Schrei entfuhr ihr, den niemand hörte.
Sie versuchte, ihr Bein näher an den Körper zu ziehen. Doch es tat zu weh, das Bein zu bewegen.
Der Hagel ließ nach. Wurde wieder zu Regen. Wasser lief über den Felsvorsprung, unter dem sie hockte. Direkt in ihren Nacken. Eiskalt. Bis nach unten durch, war sie nun tiefgekühlt. Warum hatte sie auch die Kapuze nicht aufgesetzt…
Es pladderte immer noch heftig auf die Bäume ringsum.
Kleine Sturzbäche bildeten sich. Spülten Schlamm, Laub, kleine Ästchen und Steine davon.
Einer davon führte genau unter der Stelle hindurch, an der sie hockte.
Nun war sie endgültig vollständig durchnässt.
Sie merkte gar nicht, dass sie weinte.
Ihr war kalt. So kalt wie nie zuvor.
Es schien nicht wieder aufhören zu wollen.
Um sich abzulenken, wurschtelte sie die Kamera samt dem nassen Cape in den Rucksack. Schnürte ihn fest zu und hoffte, dass die Nikon die Attacke überstehen würde. Eine neue Kamera konnte sie sich unmöglich leisten.
Falls sie hier je wieder wegkam.
Vorsichtig lugte sie aus ihrem Versteck heraus.
Es regnete beständig stark.
Ariane ließ ihren Blick schweifen.

Plötzlich glaubte sie ein Licht zu sehen.
War da eine Hütte?
Sie musste dort hin!

Sie rappelte sich auf. Zum Glück war der Fuß belastbar. Er tat nur ein wenig weh. Der Regen war eine gute Kühlung.
Sie schleppte sich durch das Unterholz.
Dem Licht entgegen.
Es schien ihr, als würde es mit jedem Schritt weiter wegrücken.
Sie ging und ging und kam nicht hin.
Sie blieb stehen.
Doch!
Da war es.
Jetzt schien es direkt vor ihr zu liegen.
Eine kleine verwitterte Hütte. Ariane musste an „Hänsel und Gretel“ denken. Aber Hexen gab es ja nicht wirklich. Auch nicht im Harz. Sie umrundete die Hütte. Suchte eine Tür. Plötzlich stand eine alte Frau vor der Hütte, die ebenso mit dem Wald verwachsen schien wie ihre Behausung.
Ariane erschrak.
„Na?“ machte die Alte krächzend: „Nass geworden?“
Ariane nickte stumm.
Sie hatte gar nicht bemerkt, dass der Regen inzwischen aufgehört hatte.
„Na…dann komm mal rein, Mädchen!“ sagte sie, drehte sich um und ging in die Hütte.
Ariane folgte ihr.
Von außen schien die Hütte winzig, eher eine Baracke. Windschief und verfallen. Doch innen war es wohlig warm und ein weiter Raum tat sich auf. Das Licht vom Feuer tauchte alles in warmes Licht.
Ariane blinzelte. Es roch nach Kräutern. Betäubend. Überall hingen sie zum Trocknen von der Decke herab.
„Tee?“ brummte die Alte.
Schlurfte zu einem Kessel über dem Feuer.
Ariane nickte wieder nur. Was die Alte nicht sah, ihr aber trotzdem ein heiß dampfendes Getränk in eine tönerne Tasse füllt, die sie sicher selbst getöpfert hatte. Sie reichte sie ihr.
Wunderbar, diese Wärme.
Sie trank.
Ihr Körper taute auf.
„Setz dich, Mädel!“
Die alten knochigen Finger wiesen auf einen Kissenberg hinter Ariane.
Ariane sank hinein.
Vor ihren Augen verschwamm alles.
Die Alte kam auf sie zu. Setzte sich zu ihr. Zog ihre Schuhe aus. Brummelte etwas, das wie
„Fuß anschauen“ klang, während Ariane zurücksank und einschlief.

Sie träumte wild.
Der Wald war um sie herum. Er sprach zu ihr. Erzählte von früheren Zeiten, in denen die Menschen nur nahmen und jagten, was sie wirklich zum Leben brauchten. Holz schlugen, um kleine Häuser zu bauen, in denen sie Schutz fanden.
Bis es immer mehr wurde.
Schließlich ganze Wälder im Weg waren. Straßen das Land durchzogen. Wasser nicht mehr im Boden gespeichert werden konnte. Zugleich immer neue Stoffe im Sauerstoff mitschwammen, die sie nicht verkrafteten. Die Erde immer heißer wurde. Trockenheit. Kahle Wälder. Insektenschwärme, die sich in die Stämme bohrten. Brachland.
Wie ein Film lief das alles ab.
Im Zeitraffer.
Bis sie die Touristen sah.
Ganze Ströme.
Bunt und laut.
Touristen, die die Wälder und Berge erklommen. Zu hunderten. Auf dem Weg in die Freiheit. Gerade nach dieser Zeit, die sie alle in die Wohnungen gezwungen hatte, war es besonders schlimm geworden. Ganze Familienverbände rückten mit Autos, Wohnwagen, umgebauten LKWs an. Zogen rücksichtslos durch. Parkten, wo sie wollten. Ließen ihren Müll überall liegen. Trampelten durch Naturschutzgebiete.
Schließlich sah sie auf einen blauen Planeten, der graugelb geworden war.
Die Meere ausgetrocknet. Die Wälder verdampft. Kein Leben mehr.
Nirgends.

Als sie aufwachte, schien die Sonne durch das Grün.
Vogel schilpten in ihrer Nähe herum als gäb´ es sie gar nicht.
Sie lag unter dem Felsvorsprung.
Ihre Kleidung war vollkommen trocken.
Hatte sie das alles nur geträumt?
Sie stand auf.
Nichts tat weh.
Sie fühlte sich fit.
Nur ihr Kopf brummte ein wenig. Als hätte sie Alkohol getrunken.
Zuviel davon.
Sie ging ohne Umschweife zu ihrem Auto zurück.
Der Parkplatz war jetzt voller Autos.
Sie fuhr nach Hause.

Erst als sie sich auszog, um zu duschen, sah sie den Verband an ihrem linken Knöchel.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

9 Kommentare zu „#Writing Friday 06.2021

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