Markttag – Extraetüde 22.2021 #1

Markttag

Marinka schlenderte über den Flohmarkt.
Es war einer von denen, auf denen man wirklich noch etwas finden konnte. Nicht diese semi-professionellen, die nur diverse Kopien von Markenwaren aller Art anboten. Auch nicht so einer der ausschließlich von Privatleuten veranstaltet wurde, die ihren alten schäbigen Krempel an Männer und Frauen bringen wollten.
Hier gab es alles, was das Finder-Herz begehrte: Möbel, alt aber aufgearbeitet. Wahre Schmuckstücke. Handwerksarbeiten. Echtholzstücke von Wert. Sessel, kleine Sofas, Truhen, diverse Lampen, regelrechte Kronleuchter, aber auch Candelaber. Andere boten Kleidungsstücke, neue und alte.

Ihr Blick blieb an einem Korsett hängen.
Goldverzierte Ösen, dunkelgrüne Schnürung auf schwarzem Samt.
Es baumelte ein wenig im Wind.
Sie ging darauf zu. Betrachtete es.
Ein junger Mann, er hatte auf einem Klappstuhl gesessen und auf Kundschaft gewartet, fing ihren Blick auf.
„Guten Tag die Dame!“ ruft er ihr mit einem Lächeln entgegen: „Kommen Sie ruhig näher! Betrachten Sie das gute Stück. Es würde Ihnen bestimmt stehen.“
„Ist bestimmt teuer“ sagte Marinka wie zu sich selbst.
„Naja…für lau gibt’s das nicht, nein“ bestätigte der junge Bursche. Er hatte ein süßes Lächeln. Trug eine Frackweste zur schwarzen Jeans über einem weißen Rüschenhemd und sah damit ein wenig aus als wäre er der französischen Revolution entkommen. Die Baskenmütze aus rotem Samt unterstützte diesen Eindruck.
„Man sagt, Marie Antoinette hätte es getragen“ setzte er sein Verkaufsgespräch fort.
Marinka überlegte fieberhaft. War das nicht schon ein wenig länger her?
„Ein Erbstück sozusagen“ beeilte sich der Mann zu erklären: „Immer gut gelagert.“
Marinka hatte derweil das Korsett rechtsgedreht. Über den Stoff gestrichen. Die Nähte geprüft. Dabei unauffällig nach einem Preis gesucht. Über Marie Antoinette nachgedacht und was ihr widerfahren war. Enthauptet.
Nicht, dass sie auch den Kopf verlor und mehr Geld ausgab als gut war.

„Was soll es denn nun kosten“ hörte sie sich fragen, während sie sich vorstellte, wie ihre Kollegen staunen würden, wenn sie damit in der Baracke zum Kostümfest erschien. Vielleicht als Marie Antoinette. Fett geschminkt mit einer blutigen Narbe auf dem Hals von der Guillotine. Sie schmunzelte.
Der kleine Revoluzzer bezog das auf den von ihm genannten Preis und erwiderte ihr Lächeln mit einem Augenzwinkern. Fast schien es Marinka als hätte er ihre Gedanken erraten.
Sie handelten noch ein wenig.
Am Ende zog sie davon, immer noch schmunzelnd, mit einem Korsett, das sie wahrscheinlich nie tragen würde und einer Verabredung zum Kaffee.

(389)

Eine sommerliche Extraetüde auf Schreibeinladung von Christiane.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

5 Kommentare zu „Markttag – Extraetüde 22.2021 #1

  1. Gib es zu, du hast damit gerechnet, dass ich über das „rechtsgedreht“ meckere – nein, das ist nicht dasselbe wie „rechtsdrehend“, das ist viel einfacher! 😉
    Aber ansonsten mag ich die Etüde sehr, ich stand irgendwie daneben, so was mag ich immer. Und wenn ein netter Abend dabei herausspringt, hat sie doch schon mal gewonnen. Und er auch 😁
    Morgenkaffeegrüße, war gestern Abend nicht mehr zum Lesen online 😁🌞🌼☕🍩👍

    Gefällt 1 Person

      1. Neeee, möchte ich nicht, solange du verstehst, dass ich die Lizenz zum Meckern habe und die auch gelegentlich ausüben muss 😉
        Und natürlich wäre ich dir dankbar, wenn du Besserung gelobst. 😎
        Gefällt mir gut, deine Etüde. 😁👍

        Gefällt 1 Person

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