Sein und Schein -abcEtüde 20.21.21 #1

Sein und Schein

Lächelnd begrüßte er die nächste Kundin. Frau Herrschel war schon sehr vielen Jahren bei ihm. Sie hatte wieder einige Überweisung und erkundigte sich nebenbei freundlich:

„Wie geht es den Kindern?“

„Danke! Gut!“ antwortete er mechanisch.

„Hat der Große das Abitur geschafft?“ hakte sie nach.

„Ja, Frau Herrschel, natürlich. Mit hervorragenden Leistungen“ log er, während ihm ganz lau im Magen wurde. Schnell fragte er noch eine IBAN ab. Reichte ihr die Unterlagen zurück und wünschte einen schönen Tag.
Unauffällig sah er auf die Uhr. Drei Stunden bis Feierabend.
Er entdeckte eine kleine aufgeraute Stelle am Bund seines Sakkos und nahm schnell den Arm wieder herunter. Schaute sich unsicher um.
Niemand hier ahnte, was ihm widerfahren war.
Seit neun Monaten spielte er Tag um Tag, den glücklichen Bankmanager mit Frau und zwei Kindern – dabei hatten sie sich getrennt.

Er hatte lange mit sich gerungen, bis er die Entscheidung getroffen hatte. Luise war seitdem fest überzeugt, dass er eine andere hatte. Dabei lag ihm nichts ferner als dies. Wenn er jetzt so darüber nachdachte, wie schwierig seine finanzielle Lage seitdem war, würde das wohl auch nie mehr so sein.
Er war ausgezogen.
Zunächst in ein Hotel.
Er suchte nach einer Wohnung, während er für Luise und die Kinder Unterhalt zahlte, um ihnen den Lebensstandard zu erhalten, den sie gewohnt waren. Schließlich waren sie nicht schuld an seiner Unzufriedenheit.
Doch bald hatte er gemerkt, dass es schwierig würde, eine bezahlbare Wohnung zu finden.
Er zog in eine preiswertere Pension.
Doch auch die hatte er nach weiteren zwei Monaten aufgeben müssen.
Ohne eine Wohnung gefunden zu haben.
Vierzig Prozent seiner Einkünfte reichten dafür einfach nicht.

Als er um 18:37 Uhr die Bank verließ, stieg er in seinen Mercedes und fuhr in den alten Hafen, zu der Baracke, in der er seitdem wohnte.

(300)

Eine Geschichte im Rahmen der Schreibeinladung von Christiane.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

17 Kommentare zu „Sein und Schein -abcEtüde 20.21.21 #1

  1. Unzufriedenheit als Grund für eine Trennung von Frau und Kindern, aber nicht von der Tätigkeit – mir scheint, er hat noch einen weiten Weg zu gehen, bevor er herausfindet, woher sein Problem rührt, an dessen Lösung er nicht wirklich arbeitet, sondern nur denen aus dem Weg geht, die er als diejenigen mit den höchsten Erwartungen empfindet. Ein interessantes, zum Nachdenken anregendes Schlaglicht auf eine bis dahin anscheinenend allzu sehr auf Funktion ausgerichtete, aber unreflektierte Biographie.

    Gefällt 3 Personen

    1. Nun: das könnte man denken; allerdings ist diese Betrachtung vielleicht ein wenig einseitig: was, wenn der Beruf schon immer das alles erfüllende im Leben war, man feststellt, dass die Liebe einfach weg ist und man keinen Bezug mehr zu den Personen im eigenen Haushalt hat?

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      1. Bei der Einseitigkeit stimme ich zu, das scheint mir der gravierende Punkt in der Geschichte:
        Zwar kann ich mir vorstellen, von einem Partner genug zu haben, aber jemand, der sich schon immer mit dem Beruf lieber beschäftigt hat als mit den Menschen, die er einmal gewählt und sogar gezeugt hat, scheint mir emotional verkümmert und dringend Bedarf daran zu haben, seiner Flucht vor dem Pribvaten auf den Grund zu gehen – bevor ihm sein Berufsleben altersbedingt oder aus anderen Gründen eines Tages keine Heimat mehr bietet.

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      2. Zuerst mit jemandem sprechen dem man vertraut und dann therapeutische Hilfe suche. E sist ja kein Sellbstverschuldetes. Ich denke, jemand, der so empfindet, ist in jungen Jahren schädigenden sozialen Prägungen und Defiziten ausgesetzt gewesen, die ihn im Erwachsenenleben auf ungute Weise abkapseln, sogar von der eigenen Erkenntnis. Dann braucht es erfahrene Gesprächspartner.

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      3. Pathologisch wäre auch wirklich kein Begriff das mir dazu eingefallen wäre. Als im Sinne der Definition von „pathologisch“ als krankhaft empfinde ich die Sackgasse und Verfassung deiner Figur nicht.

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  2. Für mich ist nicht klar, warum er gegangen ist. Dass das Leben dadurch nicht einfacher wird, vor allem nicht die materiellen Umstände: klar. 🤔
    Aber verstehen tu ich seine Motivation nicht. Schreibst du weiter? 😁
    Abendgrüße 😁🌦️🍷🥨👍

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  3. Wow, Ich glaube dass das Leben genau aus solchen Ungereimtheiten besteht. Erfrischend die Realität inklusive die Tarnung und die Konsequenzen. Es gibt Dinge die man tun muss auch wenn sie für andere keinen Sinn machen und manches muss man erhalten, weil sie halt geben. Morbide Welt, aber Welt und sie dreht sich einfach weiter.
    LG Doro

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