#Writing Friday 05.2021

Der #Writing Friday ist eine Aktion von Elizzy, die jeden Monat mit neuen Aufgaben und Themenvorschlägen ihre Mitstreiter_innen heraus- und auffordert, sich kreativ zu beteiligen.

Alexa

Geister gab es doch nun wirklich nicht, aber in dieser alten verfallenen Hütte knarckste und knackte es an allen Ecken und Enden. Mario war schon mehrmals heftig zusammen gezuckt. Immer wieder drehte er sich um und spähte in die Dunkelheit.
Völlig unklar, warum man hier den Strom abgestellt hatte, wenn er doch die Statik prüfen sollte. Zum Glück hatte er den Handbaustrahler dabei, sonst wäre er aufgeschmissen gewesen.
Kurz hatte er auch überlegt, ob er seine Auftraggeber anrufen und sich beschweren sollte. Schließlich wären die verpflichtet, dafür zu sorgen, dass er seinen Auftrag überhaupt ausführen konnte. Aber jetzt – wo er sich gerade selbständig gemacht hatte – kam es vielleicht nicht so gut, sich zu beklagen. Er wusste ja nicht einmal, ob das nicht der Normalzustand war.

Da!

Schon wieder!

Mario hätte schwören können, leichte Schritte gehört und einen Windhauch gespürt zu haben. Er riss den Kopf herum. Schwenkte die Lampe hoch.
In diesem Moment knickte er mit dem linken Fuß über die Kante der Stufe, auf der er gestanden hatte. Er kippte nach hinten. Suchte Halt mit der freien Hand. Fasste das Geländer aus Holz. Glatt und blankpoliert als käme die Putzfrau noch jeden Tag. Rutschte ab. Fuchtelte, ruderte mit beiden Armen. Kippte und fiel die Treppe hinunter. Überschlug sich. Sein Kopf schlug gegen die Wand. Sein Fuß blieb im Geländer stecken. Er hörte den Knall als der Knochen brach. Brüllte vor Schmerz. Hing kopfüber auf der Treppe.
Die Handbaulampe war die Treppe ganz hinunter gepoltert. Schlug auf. Zerbarst.
Das Licht erlosch.

Wimmernd hing Mario in der Dunkelheit.
Sein Bein, der Knöchel und der eingeklemmte Fuß brannten wie Feuer.
Minutenlang hing er nur da, unfähig sich zu bewegen. Vielleicht war er kurz ohnmächtig. Er hätte es nicht sagen können.
Als er wieder halbwegs klar denken konnte, versuchte er systematisch vorzugehen: er versuchte seine Hände zu bewegen. Dann seine Armen. Dann tastete er seinen Kopf ab. Er blutete aus einer Wunde am Hinterkopf. Nicht sehr stark. Der Kopf dröhnte.
Langsam gewöhnten sich seine Augen an das Halbdunkel, das ihm zunächst undurchdringlich erschienen war. Er versuchte, seine Lage zu erfassen:
Er hing im unteren Drittel der sehr steilen Treppe.
Eigentlich war es ein Wunder, dass er sich nicht schlimmer verletzt hatte. Wäre sein Fuß nicht stecken geblieben…wer weiß, was dann passiert wäre, wenn er auch die nächsten sieben Stufen noch gestürzt wäre.

Das Handy!

Wo war sein Handy?

Er bewegte sich mühsam. Jeder Knochen tat weh.
Linke Hosentasche.
Nichts.
Rechts.
Nichts.
Erst jetzt bemerkte er, dass sein rechtes Bein obskur verdreht unter seinem Hinterteil steckte. Warum tat es nicht weh? Schock?
Plötzlich begann sein Herz zu rasen.
Er schwitzte.

„Alexa?“ brüllte er in die Dunkelheit.
Dass heißt: er wollte es brüllen. Heraus kam nur ein Krächzen. Er räusperte sich. Sagte noch einmal:
„Alexa!“ so fest er konnte.
„Ja, mein Herr und Gebieter!“ ertönte es blechern aus seiner Gesäßtasche. Leise, gedämpft durch seinen Körper.
Er ärgerte sich, dass er ein so dämliche Anrede eingestellt hatte, nahm sich vor, das sofort zu ändern, wenn er hier erst einmal raus war. Doch jetzt:

„Alexa! Wähl den Notruf!“
„Ja, mein Herr und Gebieter! Der Notruf wird gewählt!“

Er hörte schwach den Wählton. Noch viel leiser, er konnte es nur ahnen, meldete sich wenig später eine Stimme. Mario konnte nur vermuten, dass es die Notrufzentrale war. Also rief er auf Verdacht:

„Hallo! Hallo ich bin verletzt! Ich brauche Hilfe!“

Er lauschte.
Er verstand nicht, was die Stimme sagte. Also rief er:

„Alexa! Gib die Koordinaten durch!“

„Ja, mein Herr und Gebieter! Koordinaten werden durchgegeben.“
Dann war alles wieder still.

Mario konnte nicht sagen, wie lange er dort hing.
Das schwache Licht wurde zunehmend weniger. Er vermutete, dass es draußen langsam dunkel wurde.
Das Feuer in seinem Bein war in ein beständiges Puckern übergegangen. Sein Kopf schmerzte unerträglich. Er versuchte vorsichtig, sich aus der hängenden Position aufzurichten. Er stemmte sich mit den Händen auf. Unbedachter Weise spannte er dabei einen Muskel in seinem Bein an. Er schrie. Der Schmerz stach wie ein glühendes Schwert durch jede Faser seines Körpers. In seinem Schmerzwahn bewegte er sich ruckartig zurück. Riss dabei versehentlich das rechte Bein mit, das nun ebenfalls von höllischem Schmerz ergriffen wurde.

Mario wurde wieder ohnmächtig.

Und so hörte er die Sirenen nicht.
Sah nicht das flackernde Blaulicht über die Wände huschen.
Hörte die Retter nicht rufen…

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

5 Kommentare zu „#Writing Friday 05.2021

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