Ursache und Wirkung – abcEtüde 10.11.21 #2

Ursache und Wirkung

Luisa stand am Herd, rührte Soßenbinder ein, nahm mit der freien Hand Teller aus einem Schrank, sah über die Schulter zurück und rief:

„Laurin! Essen ist fertig!“

Es dauerte einen Augenblick bis der Zehnjährige mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern an seinen Platz schlurfte, um sich auf seinen Stuhl zu setzen. Doch das sah Luisa nicht, die sich wieder den Töpfen auf dem Herd zugewandt hatte.
Auch als sie, die dampfenden Teller auf den Tisch abstellend, auf ihren Platz rutschte, fiel es ihr nicht gleich auf, denn in ihrem Kopf liefen schon die To-do-Listen für den Nachmittagsblock im Homeoffice.

Laurin stocherte mit gesenktem Kopf in seinem Teller herum.
Unvermittelt sagte er:

„Mam“ er hob den Kopf: „Ich glaube, ich habe einen Fehler gemacht.“

Luisa sah auf. Seine Augen glänzten. Sie war erschrocken.

„Was hast du gemacht?“ fragte sie, bemüht um einen ruhigen Tonfall.

„Nichts“ entfuhr es dem Kind.

Luisa zog die Stirn kraus. Laurin setzte hinzu:

„Und genau das ist das Problem!“ sagte er unbestimmt und schwammig: „Ich habe nichts dagegen getan.“

„Wogegen?“ hakte Luisa nach: „Jetzt erzähl! Lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen, ich habe keine Zeit zu trödeln. Du weißt doch: ich muss noch arbeiten.“

Laurin druxte noch ein wenig herum, dann sprudelte es aus ihm heraus:

„Der Marian hat dem Jan heute Klassenkeile angedroht, weil der Jan den Ben verpetzt hat bei der Lehrerin, weil der Ben etwas …böses an die Tafel gemalt hat und dann wollten alle den Yussuf vorschieben und da ist der Jan aufgestanden und hat gesagt: Ben war das! Und nach der Stunde, als die Schule aus war, sind alle dem Jan hinterher und ich…“ jetzt schluchzte er auf: „Ich bin einfach …“ er musste atmen: „ich bin einfach nach Hause gegangen“ und nun brach er in Tränen aus.

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Ein Beitrag zur Schreibeinladung von Christiane, die so insistiert hat, dass ich mich doch an eine weitere Geschichte wagte.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

18 Kommentare zu „Ursache und Wirkung – abcEtüde 10.11.21 #2

  1. Super. (Siehst du, geht doch.) Das verharmlost nichts und berührt jede*n, würde ich mal behaupten.
    Ich hoffe, dass seine Mutter sich für ihn Zeit nimmt und ihm helfen kann.
    Die Wörterbegrenzung zwingt dich, den Ausschnitt deiner Geschichte sorgfältig zu überlegen und (meistens) ganz eng zu wählen. Ich finde die Etüde sehr gelungen.
    Mittagskaffeegrüße 😁🌦️☕🍪👍

    Gefällt 2 Personen

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