Kreistanz – abcEtüde 10.11.21

Kreistanz

Es gibt Worte, die machen einem Schreiberling das Leben arg schwer: man vertrödelt eine Menge Zeit damit, darum herum zu denken. Ein regelrechter Kreistanz, um das Feuer, weil man sich nicht die Finger verbrennen möchte, niemanden weh tun oder etwas verharmlosen will, das nicht heruntergespielt werden sollte.

Doch am Ende nützt es nichts.
Schwammige Texte zu schreiben, die das Wort umdeuten, sind eine Ausflucht.

An „Klassenkeile“ gibt es nichts zu beschönigen.
Es ist, was es ist: ein brutaler Akt, der auf Linientreue einschwören soll. Prügel. Körperliche Züchtigung. Uralte Tradition.
Wie alle alten Traditionen – selbst Märchen – von einer gewissen Grausamkeit, wenn man sie ausschließlich mit heutigen, modernen Ansichten betrachtet. Der Kontext früherer Zeiten entschuldigt nichts.

Als Kind der DDR und damit deutlich in einer Vor-Zeit geboren, weiß ich aus eigener Erfahrung, was Klassenkeile ist. Erlebt habe ich sie fast immer nur als Androhung selbiger und war zu kindlich, um über psychologische Folgen nachzudenken.

Moderne Klassenkeile nennt sich Cybermobbing und ist um einiges brutaler, auswegloser und vernichtender. Das Netz vergisst nichts. Selbst wenn der akute Angriff überlebt wird, können seine Folgen noch Jahre später Existenzen zerstören.

Die neue Zeit ist also nicht weniger mit  Grausamkeiten gespickt.
Nur haben sich selbst diese angepasst.

Was hilft, ist Kommunikation.
Das half schon früher, wenn nur einer den Mut dazu hatte.
Heute jedoch verschwinden die Angreifer im Netz. Sind nicht greifbar und damit nicht ansprechbar. Sie treten eine Welle los, die sich zu einem Tsunami auswächst. Sich nicht mehr stoppen lässt. Ein Eigenleben entwickelt, weit weg vom Initiator.

Ein schwieriges Thema.

Ein Beitrag zur Schreibeinladung von Christiane in den abcEtüden.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

6 Kommentare zu „Kreistanz – abcEtüde 10.11.21

  1. Ein schwieriges Thema, das bei vielen unwillkommene Erinnerungen heraufbeschwört. Auch mit deiner Übertragung in die Jetztzeit gehe ich mit. 🤔
    Aber nachdem du es geschafft hast, deine Punkte in Prosa zu formulieren (was wichtig ist), kannst du daraus eine Geschichte spinnen. Du bist ein Schreiber, ich bin ziemlich sicher, dass du das kannst – wenn du dich auf die Herausforderung einlässt. Es gibt immer Texte, die einem etwas abverlangen, vielleicht wird das einer davon? 🤔😉
    Ich freue mich, dass du mitgeschrieben hast, bitte fühl dich nicht unter Druck gesetzt, das sind nur meine Gedanken dazu, ich kaue auch noch auf meiner Etüde herum.
    Herzliche Mittagskaffeegrüße (was sonst) 😁🌦️☕🥐👍

    Gefällt 3 Personen

      1. Vielen Dank! 😁
        Bis zu einem gewissen Punkt versuche ich nur, meine Erfahrungen weiterzugeben. Weißt du, es ist einfach, die Etüden auf die leichte Schulter zu nehmen, man muss es aber nicht immer 😉
        Ich bin gespannt. 👍👍👍

        Gefällt 1 Person

  2. Klassenkeile gab es im Westen auch in den 50 und 60er Jahren. Ich halte das also nicht für eine politische Erfindung der DDR oder der NAZIS, auch schon viel früher!.
    Es ist die erste bewußte Art der Heranwachsenden, eine Hackordnung zu bilden und Macht auszuüben. Und wie die Kirche – und in derem Gefolge die Eltern – uns über Jahrtausende gelehrt haben, muss man den „Bösen“ bestrafen oder wenn man keinen hat, sich einen Blitzableiter erfinden. Und einer will immer den Hut aufhaben.

    Gefällt 4 Personen

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