Zimmerreise 02/2021

Die Diele

Diele.

Sagt noch jemand Diele?

Aber wie nennt man es dann, wenn es nicht mehr Diele heißt? Korridor? Flur? Je nachdem wie schnell es gehen muss?

Ich weiß es nicht.

Horche in mich hinein wie ich es nenne, wenn mich keiner hört oder eben in meinem Kopf. Finde keine Antwort und stehe in meiner Diele, lasse meinen Gedanken freien Lauf und wandere durch die vielen Flure und Korridore, die ich schon hatte.

Zwölf Mal bin ich umgezogen seit ich aus der elterlichen Wohnung auszog, um ein eigenes Leben zu gestalten.
Die deutlichste Erinnerung wird wohl immer die, an die erste eigene Wohnung sein. Damals – mitten in der Wendezeit – noch halblegal als dritter in eine Wohnung gezogen, die dem Freund einer Freundin gehörte, die eine Bekannte von mir kannte.
Dachgeschoß. Ofenheizung. 15 Mark 15 Pfennige der DDR.
Die Diele dort war eigentlich keine, denn in ihr befand sich unter der Dachschräge eine Toilette und ein Waschbecken.
Das war mein erstes Bad. Es verdiente diesen Namen nicht. Aber zumindest musste ich die Wohnung nicht verlassen, um auf die Toilette zu gehen. Kam ich schließlich aus einem Dorf, in dem ich noch bis zum neunten Lebensjahr draußen auf dem Hof zum Plumpsklo laufen musste. Egal, wie warm oder kalt es war. Ob die Sonne schien oder der Mond am Himmel hing. Wie viele Ängste ich ausgestanden hatte deshalb, möchte ich gar nicht erinnern.
In meiner ersten Diele gab es kein Fenster oder Dachluke.
Der Raum war eher ein länglicher Schlauch, den man mit einem großen Schritt in seiner Breite durchmaß. Direkt gegenüber der Eingangstür lag die Tür zur Küche. Massive Holztüren.
Waren alle Türen zu, war es stockfinster.
Aber es zog trotzdem. Das Dach konnte weder besonders dicht, noch isoliert gewesen sein. Dafür roch es kein bißchen muffig. Es roch immer frisch. Es war kalt. Irgendwie hatte diese kleine Diele ein wenig Zeltplatzromantik, wahrscheinlich auch durch die Schräge, derentwegen ich mich jeweils schon abducken musste, bevor ich auf der Toilette Platz nahm.
Es gab keine Möglichkeit, hier etwas zu stellen.
Rechts an der Wand hatte ich eine altmodische Garderobe an die Wand geschraubt. Geschenkt von einer Bekannten.
Daran hing allabendlich und allein meine einzige Jacke.
Eine schwarze Lederjacke, die an diesem Haken genauso schlotterig hing wie an mir.
Es war eine aufregende Zeit.
Die Welt schien Kopf zu stehen und zugleich völlig kopflos zu sein und ich – ganz allein – mittendrin. Nie zuvor hatte ich mich so frei und so stolz gefühlt wie in der Zeit dieses Aufbruchs.

Und obwohl ich inzwischen Dielen und Korridore hatte, die zu einer Galerie gereicht hätten, würde ich Bilder malen, ist diese dunkle viel zu kleine Bad-Diele nach wie vor die, an die ich mich am stärksten erinnere.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

13 Kommentare zu „Zimmerreise 02/2021

  1. Sehr toller Beitrag! Obwohl wir verschiedene Deutschlandhälften als Augangspunkte hatten, finde ich Parallelen, die man anderen Menschen oft kaum erklären kann: das häufige Umgezogensein sind eines davon, ich komme auf insgesamt vierzehn Mal in sehr verschiedene Wohnungen, und die Frage, wie diese jeweiligen Durchgangsräume zu bezeichnen wären, in denen man steht, wenn man durch die Wohnungstür getreten ist, finde ich sehr interessant.
    Diele und Flur sind mir dabei die vertrautesten, ich benutze beide, und besonders häufig höre ich von meinem Mann und seiner Familie das Wort vom „Gang“, der in Bayern und Österreich sowohl in, als auch ausserhalb der Wohnung sein kann.
    Korridor hat eine meiner Grossmütter dazu gesagt, wenn sie in einem kleinen Haus mit Einliegerwohnung den Bereich vor ihrer Tür mitsamt der Treppe meinte, die hinunter zur Gemeinschaftstoilette führte; sie hatte dafür weder Diele noch Flur, bei ihr stand man sofort in der Wohnküche.
    Müsste ich ich meine Vorstellungen von Diele und Flur auseinanderdividieren, wäre eine Diele für mich breiter, man könnte darin richtige Möbel aufstellen, nicht nur ein paar magere Garderobenhaken und ein Schuhregal, wie in manchem Flur. Der ist für mich lang, schmal und im Bestfall von mehreren Türen unterbrochen, weil dann die Wohnung gross ist.
    Ausserdem weckt mir deine Beschreibung Erinnerungen daran, dass jede Wohnung anders riecht, und jeder Flur, also vor allem die kleinen Eingangsräume, noch einmal besonders, wie zum Beispiel nach einer oft getragenen Lederjacke oder feuchten Wollmänteln.

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    1. hallo puzzleblume!
      nun, ich habe bei der anzahl der umzüge zwei ausgelassen, bei denen ich weniger als ein jahr gewohnt bzw. untergekommen war sowie den mit meinen Eltern.
      es gab einen spruch unter uns umzugskünstlern hierzulande: so! ich bin fertig eingerichtet, ich müsste mal umziehen.
      und nach lesen deines Kommentars musste ich mir eingestehen. ich sag wohl meist „flur“ obwohl ich das Wort nicht mag.
      Was du als Diele beschreibst, hab ich jetzt wohl und deine Beschreibung eines Flures ist für mich der klassische Korridor.
      Interessant wie unterschiedlich wir Dinge interpretieren!
      ich habe auch festgestellt, dass ich Eingangsbereiche mag, die ein wenig verwinkelt sind.

      Nun, es bleibt spannend, ob die jetzige Wohnung die 10 geplanten Jahre halten wird!

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      1. Die Frequenz wird sich hoffentlich mit den Jahren verringern. Auch wenn man Übung hat, ist irgendwann mal genug.
        Wer weiss, was für ein Assoziationsmischmasch den Worten anhängt, weshalb sie einem nicht ganz angenehm wirken ….

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  2. Sehr schön beschrieben.
    Hier nenne ich es einfach Flur.
    12x umgezogen? Das werde ich in meinen ganzen Leben nicht schaffen.
    Dielen oder Flure zeigen zeigen wie ein Mensch lebt.
    Bei manchen ist es eine Abstellkammer für alles oder ein wildes Schuhchaos.
    Aber auch Hausflure sagen viel aus, wer dort alles wohnt und unter welchen Umständen.

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  3. Das Klo im Flur … diese Variante kreativen Wohnens in der DDR kannte ich nicht.😂 Waschbecken oder – reiner Luxus – Wanne in der Küche und Klo eine Treppe tiefer, das ja.
    Wir sagten Korridor in der Nähe (Ost-)Berlins, das ist sicher regional unterschiedlich. Mit dem Begriff Diele verbinde ich keine Erinnerung.
    Heute lebe ich in Italien und musste darum kämpfen, einen kleinen Flur als Eingangsbereich zu haben, hier fällt man regelmäßig direkt ins Wohnzimmer oder in die Küche. Das scheint mir nicht nur unpraktisch (wo, um Himmels willen, bleiben Jacken, Taschen und Schuhe?), sondern auch indiskret, wenn man Fremden die Tür öffnet (auch wenn das ehrlich gesagt selten und seit Corona nun gar nicht mehr vorkommt).
    Wie war das, vom Klo aus die Wohnungstür zu öffnen? 😉

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    1. Ich war damals sehr froh, dass ich keine treppe tiefer musste. es war auch nicht so, dass es keine tür gab und insgesamt war der dielenschlauch so knappe …ich schätze mal 3,5 bis 4 m lang. da war schon ein bißchen platz. ich fand es durchaus cool. also winzig, aber meins!obwohl das ja auch nicht stimmt. ich habe erst im herbst 1990 gewagt, das ganze zu legalisieren; mit der damals ddr-typischen mär vom im westen verschwundenen lebenspartner …

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