#Writing Friday 02.2021

Robbery

In einer so unbequemen Lage war er noch nie, doch er versuchte, ruhig zu bleiben. Atmete zweimal tief ein, auch wenn das, mit dem dicken Tape über dem Mund, recht beschwerlich war. Er bewegte den Kopf. Viel Platz war da nicht. Aber Nacken und Hals schienen unversehrt.
Die gefesselten Hände waren stark angeschwollen. Fühlen konnte er sie nicht mehr. Die Arme, hinterm Rücken auf dem er lag, schmerzten bis zur Schulter. Hatten keinen Bewegungsspielraum.
Die Knie taten weh. Die Füße schienen jedoch nicht gefesselt – oder nur sehr locker. Genau konnte er es nicht ermitteln und sehen schon gar nicht. Viel zu dunkel war es in diesem Kofferraum.
Es stank auch ein bißchen. Er konnte nicht genau sagen, wonach: eine Mischung aus altem Gras. Ganz altem Gras. Diesel und Moder.
Er hätte nie gedacht, dass in einem Mercedeskofferraum so wenig Platz sein könnte. Mit seinen 1,98 war er aber wohl einfach zu groß. Gut, dass die beiden Gangster keinen Peugeot benutzt hatten. Aber ein Lieferwagen wäre ihm lieber gewesen.
Er schüttelte den Kopf über sich selbst.
Versuchte sich zu erinnern: was würde MacGyver tun? Noch so ein blöder Gedanke, schalt er sich.
Er versuchte, seine Hände zu bewegen. Stechende Schmerzen zogen in die Gelenke und die Fingerspitzen gleichzeitig. Er biss die Zähne zusammen, dass es knirschte. Er drehte und ruckelte solange, bis er sich auf die Seite drehen konnte. Hinter seinem Rücken spürte er etwas weiches. Nicht seine Finger spürten es; seine Logik sagte ihm, dass das, was er berührte nachgab.
Er spürte Panik in sich aufsteigen.
Völlig unerwartet.
Sein Herz raste.
Er blieb still liegen und atmete tief ein, auch wenn der Geruch ihn im Hals kitzelte und er befürchtete, zu würgen. Er schloss die sinnlos aufgerissenen Augen.
Langsam beruhigte er sich.

Plötzlich blieb das Auto stehen.
Türen wurden geöffnet. Schritte kamen um das Fahrzeug herum.
Schon schoss die Panik wieder hoch.
Der Kofferraumdeckel klappte schwungvoll hoch. Er kniff geblendet die Augen zusammen.
Bevor er einen weiteren Gedanken fassen konnte, griffen kräftige Hände nach seinen Armen und Beinen. Er flog durch die Luft. Landete nahezu weich. Im Graben war noch karges Gras, das seinen Sturz ein wenig abfing.
Wieder klappten Autotüren. Der Motor brüllte. Reifen drehten Kies vom Seitenstreifen.  Dann war es still.
Die Räuber hatten ihn entsorgt wie Müll.
Wahrscheinlich dachten sie, er würde das ohnehin nicht überleben oder es war ihnen einfach egal.

Mühsam versuchte er sich aufzurappeln.
Er rutschte ein bißchen tiefer in den Graben. Ihm war kalt. Die ohnehin abgestorbenen Hände brannten wie Feuer. Ließen sich kaum bewegen. Aber seine Füße waren frei.
Als er endlich saß, sah er sich um.
Flache, froststarre Landschaft. Einsame Landstraße. Ein Nebenweg wahrscheinlich, den niemand je befuhr. Wenige Bäume entlang des Weges.
Er sah sich genauer um.
Ein Stein musste her!
Er suchte.
Zunächst nur kleine, abgerundete Kiesel.
Er stemmte sich auf die Füße. Ging ein paar Schritte.
Nach einigen Meter ragte vor ihm ein Metallteil aus dem Boden, das irgendwann von einem Fahrzeug abgerissen sein musste.
„Das ist ja noch viel besser“ wollte er ausrufen, doch seine Lippen rissen nur hart an dem Tape über seinem Mund.
Schnell hockte er sich hin, brachte seine Handfessel irgendwie an die scharfe Kante und rieb. Rieb und rieb daran. Er bemerkte nicht, dass er seine gefühllosen Hände aufschnitt. Es dauerte. Ihm wurde warm. Er begann zu schwitzen. Freute sich darüber, dass er so zumindest nicht erfrieren würde.
Dann rissen die Fesseln auf und seine Hände waren frei.
Es tat fürchterlich weh als das Blut wieder in sie hineinfloss. Ein Kribbeln und Stechen als steckten sie in einem Termitenhügel; dabei hatte er Termiten bisher nur im Fernsehen gesehen. Er sah das Blut der aufgeriebenen Haut.
Nach einiger Zeit hatte er genug Gefühl in den Fingern, um sich endlich dieses Tage von den Lippen zu reißen. Ein lautes
 „aaaaah“ entfuhr ihm. Die Rasur fuhr heute war dann auch gleich erledigt.

Er lief los.
Froh am Leben zu sein.
Laufen zu können.
Er sah sich noch einmal um.
Niemand kam zurück. Niemand verfolgte ihn.
Er lachte. Lachte und lief.
Stundenlang.
Bis er ein Dorf erreichte.
Er fand die Polizeistation und schreckte die beiden Beamten aus ihrem Dornröschenschlaf.
Man rief einen Krankenwagen und die Kripo der nächstgelegenen Stadt, in der der Banküberfall stattgefunden hatte. Seine Aussage wurde aufgenommen. Er konnte beide Männer gut beschreiben. Ebenso das Auto.
Doch die beiden blieben verschwunden und mit ihnen die Beute: rund 8000 Euro.



Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

3 Kommentare zu „#Writing Friday 02.2021

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