#Writing Friday 01.2021

Ein ganz schöner Brocken

Bitterkalt fing dieser Tag an und ich hatte die Befürchtung, dass es sehr bald schneien würde. Das durchkreuzte meine Pläne. Es war schon fast zehn Uhr. Nun würde ich länger brauchen.
Ich fluchte innerlich. Zog die Mütze tiefer in die Stirn, den Schal fester und den Reißverschluss hoch. Ich nahm die Handschuhe aus meinem Rucksack, zog sie an und schaute zum Himmel. Das fahle Blassblaugrau der letzten Wochen blendete fast meine Augen.
Ich lief los.
Wind kam auf und biss mir eisig ins Gesicht. Ich kniff die Augen zusammen. Eine Träne rann mir über die Wange. Es fühlte sich an als gefröre sie auf der Haut. Eine Erinnerung stach mir ins Hirn: eine tief verschneite Landstraße vor langer Zeit. Feinster Backschnee. Keine einzige Spur. Niemand vor mir hatte sich einen Weg gesucht. Die Kälte zog in jede Ritze. Brannte sich bis in die Knochen. Das Zittern war so stark, dass es schon fast zur Erstarrung führte.
Dagegen waren die heutigen Temperaturen gar nichts. Gerade Minus 4. Trotzdem fror ich auch jetzt. Tapfer setzte ich einen Schritt vor den anderen. Damals hatte ich mir die Brille regelrecht aus dem Gesicht reißen müssen. Sie war angefroren. Das Abreißen hinterließ brennende Flecken abgerissener Haut unter beiden Augen, die bis zum Mittag tieflila eingefärbt waren.
Diese Gefahr bestand heute nicht.
Als ich mich umdrehte, lag der Parkplatz schon einige Meter hinter mir. Doch die Entfernung schien mir lächerlich gering, wenn ich daran dachte, wie viel ich noch vor mir hatte.
‚Also los!‘ sagte ich mir innerlich, drehte mich entschlossen zum Berg. Begann den Aufstieg. Ignorierte das Drücken des Rucksacks. Den Zug auf den Schultern. Die kalten Füße.
Eine erste kleine…klitzekleine Schneeflocke landete auf meiner Nasenspitze. Ich schielte, um sie zu fixieren. Doch da war sie schon vertaut. Ein Grinsen blieb in meinem Gesicht. Ich stapfte weiter, ohne zu wissen, dass mir das Grinsen noch vergehen würde.
Fünf Kilometer lagen vor mir.
Bergauf.
Ganz allein.
Aber ich wollte diesen Weg gehen.
Die Flocken wurden langsam mehr. Sie schwebten mehr als dass sie fielen. Taumelten fast . Wunderschön! Mein Herz war frei und weit. Alles fühlte sich richtig an. Ich ging fast schon fröhlich weiter.

So schaffte ich die nächsten anderthalb Kilometer.
Der Rucksack wurde immer schwerer. Drückte manchmal hart in die Wirbel. Meine Schultern schmerzten inzwischen schlimm. Die Waden wurden langsam hart. Inzwischen schneite es beständig. Waren die ersten Flocken kaum liegen geblieben, überzog nun eine feine Zuckerschicht alles ringsum. Traumhaft schön, aber schwer zu gehen. Immer wieder übersah ich lose Steine auf dem Weg. Zweimal war ich schon weggerutscht. Seit dem schmerzte mein rechter Knöchel ein wenig. Ich trat vorsichtiger auf, kam langsamer voran.
Mit der Entfernung vom Ausgangspunkt wuchsen auch die Zweifel. Vielleicht wurde es doch zu viel. Schließlich war Wandern nicht meine erste Priorität, wahrscheinlich sogar die allerletzte. Inzwischen fragte ich mich selbst, welcher Esel mich gebissen haben musste, überhaupt nur darüber nachzudenken hier mutterseelenallein herum zu laufen. Wahrscheinlich war ich wieder einmal einer schwärmerisch verklärten Illusion erlegen, die uns wunderschön verschneite Berge zeigt und vergessen lässt, dass Winter arschkalt sind. Auch die Geschichten schmerz- und leidvoller Erfahrungen schienen beim Lesen oder Zuhören stets romantisch, abenteuerlich und erstrebenswert. Ich fand gerade nur eins erstrebenswert: zurückgehen und nach Hause fahren!

Ich blieb stehen. Kramte das Handy vor. Sah auf die Karte: 2,6 Kilometer.
Noch immer war mir kein Mensch begegnet. Unterwegs hatte ich hier und da geglaubt, ein Rufen gehört zu haben. Auch mal das Kreischen einer Säge. Das Krachen eines fallenden Baumes von weit her. Jedoch keine Wanderer. Dienstagvormittag schien eine gute Zeit für Einsamkeit.
Ich hatte das dringende Bedürfnis, mich hinzusetzen. Doch hier gab es keine Bank. Würde ich mich jetzt hinsetzen, würde ich wohl nicht mehr weiterkommen.
Ich stand da. Überlegte. Sah die Schönheit um mich herum. Spürte wie warm mir unter meinen drei Jacken war, während Füße, Fingerkuppen und Gesicht eisstarr waren.
Ich musste mich entscheiden. Vor oder zurück?
Bevor der Gedanke mich festhielt, ging ich weiter. Einmal tauchte ich unterwegs meinen Finger in den flauschig scheinenden Schnee. Zwei Fingerkuppenhoch.
Es schneite dicke Flocken, deren Kristallform nahezu perfekt war. Dick und unaufgeregt stürzten sie aufeinander. Türmten sich auf. Hüllten alles ein. Selbst die toten Bäume sahen wieder hübsch aus in ihren weißen Kleidern.

Es knirschte unter meinen Schuhen, die ich mir extra gekauft hatte. Aber auch Blasen waren die verklärte verdammte falsche Seite der Medaille Abenteuer. Das spürte ich mit jedem Schritt mehr. Aber ich hielt jetzt nicht mehr an. Der Schmerz würde vergehen. Ich war mir sicher. Erinnerte mich: mit dem Motorrad nach Berlin. Das Motorrad geliehen. Die Sitzposition unbequem. Der Rücken schon nach einer halben Stunde völlig kaputt. Den ganzen Tag herumgelaufen auf dem Rückweg in einen Starkregen kommen.
Ich konnte die Verzweiflung und den Schmerz von damals fast spüren.
Aber wahrscheinlich war es der akute.
Damals war plötzlich eine warme Welle durch den Körper gezogen und aller Schmerz verflogen. Ich hatte aufgehört, mich dagegen zu wehren.
Ich kramte nach meinem Handy. 4,7 Kilometer.

Ich sah auf.
Tatsächlich!
Ich konnte das Ziel schon fast erkennen.
Steil gingen die letzten hundert Meter zu.
Kaum noch zu schaffen.
Durchhalten!

Ankommen!

Ich sah mich um.

1142 m.


Ich setzte den Rucksack ab. Kramte mit steifen Fingern die Kamera heraus. Zog die Handschuhe aus. Schaltete das Gerät ein. Sah durch den Sucher.

Ein Foto.

Dann ging ich zurück. Es war jetzt schon fast dunkel.

Der #WritingFriday ist eine Aktion von elizzy.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

9 Kommentare zu „#Writing Friday 01.2021

    1. hm…wenn sie so überzeugend war, dass du ein Foto möchtest, war es zumindest eine gute Geschichte; die Wahrheit ist: ich war noch nie auf dem Brocken,weil ich einen solchen Fußmarsch nicht schaffen würde. Aber irgendwann werd ich mit der Brockenbahn fahren!dann gibt’s auch Fotos.

      Gefällt 1 Person

      1. Der Witz (na ja) ist, dass ich neulich einen Austausch in meinen Kommentaren über diesen Weg hatte. Ich glaube von mir auch nicht, dass ich 5 Kilometer beständig bergauf gehen kann, vor allem im Winter nicht, aber ich habe schon überlegt, auf den Brocken zu fahren (mit der Bahn) und runterzulaufen … Vielleicht irgendwann Richtung Sommer, und ja, dann gäbe es auch bei mir Fotos! 😀

        Gefällt 1 Person

      2. Jetzt bewundere ich dich eben nicht für dein Durchhaltevermögen, bei Blasen in neuen Schuhen, kaltem Wetter, den Weg glatt machenden Schneeflocken und und und trotzdem durchgehalten zu haben –
        jetzt „bewundere“ ich dich für das exzellent gut Geschriebene, das sich so wahr anhört.

        Gefällt 1 Person

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