Begegnung

Eine kleine Weihnachtsgeschichte ausgelöst von einem Tweet, der gestern die Frage stellte: Würde dein 18jähriges Ich beeindruckt sein von deinem heutigen ich [freie Wiedergabe]?:

Es ist Winter. Die Straßen verschneit. Einer Bobbahn gleich, nur entgegengesetzt gewölbt. Es ist nicht einfach, das Moped in der Straßenmitte zu halten. Die Kälte kriecht in alle Kochen. Die Finger um den Lenker sind verkrampft, so wie der Rest des Körpers unter der dicken schwarzen Kunstlederjacke. Es ist die alte NVA-Jacke des Vaters, die als Ersatz für eine vernünftige Motorradjacke herhalten muss. Drei Nummern zu groß lässt sie Platz für eine Winterjacke darunter. Trotzdem zittert der ganze Körper. Deshalb ist die weißverschneite Landschaft ringsum, deren Stille nahezu Atem ist, nahezu ohne Bedeutung.

Die Gesichtshaut spannt. Der Fahrtwind treibt Tränen in die Augenwinkel, die Eisspuren auf den Wangen hinterlassen. Der Wald schweigt dazu. Wie Wächter ragen die dunklen Tannen empor. Stumme Zeugen.

Mein 18jähriges Ich blinzelt sie weg. Versucht flach zu atmen. Die eisige Luft sticht in der Nase und in den Lungen, obwohl die „Oma“ bis fast an die Augenlider hoch und bis tief in die Stirn hinein gezogen ist. Keinen einzigen Gedanken für die Schönheit des Moments. Sieht es nicht. Käme auch nicht auf die Idee, anzuhalten, um ein Foto zu machen. Einen Vogel würde es mir zeigen und nicht begreifen, was ein Handy sein soll. Ein Telefon, ach was sag ich: einen Minicomputer in der Hosentasche, mit dem man nicht nur jederzeit den Arzt rufen konnte, ohne vorher durch das ganze Dorf zu laufen und bei fremden Leuten zu betteln, mit dem man auch noch Fotos machen könnte und die dann in ein „Internet“ hochladen, in dem es Menschen auf der ganzen Welt – also quasi wie im Fernsehen – betrachten und bewerten könnten, die ebenso Freude an diesem blauleuchtendem unberührten Schneewald hätten, würde es vor reine Utopie gehalten haben.

Mein 18jähriges Ich muss erst noch die Kurve schaffen. Dann wird es einfacher. Danach geht es fast gerade weiter und dann ist bald die Stadt erreicht. Dort sind vielleicht ein paar Straßen geräumt oder wenigstens gestreut. Es ist dann leichter, nicht auszurutschen.

Das Licht des winzigen Scheinwerfers des Mopeds reflektiert bläulich im Schnee. Bisher hat kein anderes Fahrzeug Spuren hinterlassen. So mögen wir es – mein 18jähriges und mein heutiges Ich. Die sich leider nie begegnen werden; dem ich aber doch gern so viel sagen würde. Ich würde meinem 18jährigem Ich gern sagen, dass es nur noch ein paar Jahre durchhalten muss – dann würden sogar die Grenzen fallen, es würde ein anderes Land werden, in dem es damals schon Dinge gab, die sich mein 18jähriges Ich kaum vorstellen konnte: Läden, in denen es mehr zu kaufen als notwendig. In denen die Regale niemals leer wurden – bis 2020, da waren Nudeln, Mehl, Desinfektionsmittel und Klopapier hin und wieder ausverkauft -, es immer Obst und Gemüse gab, man Nudeln selbst machen konnte, in Haushalten Maschinen standen, die selbst in einer professionellen Küche der DDR kaum zu finden waren.

Ich würde meinem 18jährigem Ich aber auch sagen wollen, dass es sich prinzipiell auf dem richtigen Weg befindet: zu sich selbst sehen, auch wenn das ab und zu bedeutet, nicht gemocht zu werden. Dass auch die Grenzen in den Köpfen gesprengt werden würden und langsam fielen. Schwestern Frauen heiraten und Brüder Männer. Sich Träume erfüllen würden, die zu diesem Zeitpunkt noch gar geträumt waren.  

Der Schnee noch unberührt, backt unter den Reifen. Der kleine Simsonmotor surrt gleichmäßig vor sich hin und mein 18jähriges Ich hat keine Ahnung davon, welch tolle Motorräder wir noch fahren werden. Schon gar nicht ahnt es, wie cool das erste „Westauto“ sein wird: tiefergelegt, vollverspoilert, mit abgedunkelten Scheiben und einem Sechszylinder V-Motor, der gegen das winzige Simson Teil ein Beschleunigungsvermögen, das raketengleiche Geschwindigkeiten ermöglicht, hat. Es ahnt auch nicht, dass wir jeden Tag mit einem Neuwagen anderen beibringen werden wie man Auto fährt. Es kann sich in diesem Moment noch nicht einmal vorstellen, selbst ein Auto zu besitzen. Weiß noch nicht, dass es den metallicgrün lackierten Trabant des unbekannten Patenonkels, rot umspritzt und lieben wird, bis die „Wende“ und ein Lottogewinn alles ändert.

Die einzige Gefahr sind jetzt gerade nur entgegenkommende Fahrzeuge. Doch die sind um diese Uhrzeit selten. Es ist kurz nach fünf morgens. Mein 18jähriges Ich hat Frühdienst. Es wird allein sein in der Poststelle. Der Ofen, den es  nur schwer angeheizt bekommt, wird aus sein, höchstens glimmte noch Glut. Keine Hoffnung auf baldige Wärme.

Es nimmt die Füße von den Rasten und streckte sie auf den Boden wie Stützräder. Die Kurve ging im neunzig Grad Winkel durch den Wald. Wenn die Straßen frei waren, war es ein Dorfwettbewerb, wer es wie schnell wagte, hier herum zu fahren – das Knie bis auf die Straße in Schräglage hängend.

Wenig später war das Ortseingangsschild erreicht. Auch hier keine Menschenseele. Nur Straßenbeleuchtung tupft gelborangene verwaschene Punkte auf den Schnee. Der Himmel setzt tiefdunkles Azur dagegen. Mein 18jähriges Ich kann es nicht vergleichen mit dem lila Blau des Himmels am Sacre Coeur in Paris, das ich inzwischen sehen durfte oder dem regengrauem Himmel über Speakers Corner, an der ich vorbeilief, mit den aufdringlichen graufelligen Eichhörnchen, die immer wieder nach Futter bettelnd um unsere Füße herumscharwenzelten. Es hat auch keine Vorstellung davon, dass das gelernte Schulenglisch einst so hilfreich sein würde und wir doch noch Gefallen an der französischen Sprache finden werden. Frankreich so oft besuchen, dass der Gedanke entsteht, dort leben zu wollen. Später – wenn die Rente erreicht ist. Mein 18jähriges Ich kann sich nicht einmal vorstellen, 21 zu werden. Hat noch keine Lust auf dieses verlogene Leben, in dem Moral ein Vorwand ist, anders artiges zu stigmatisieren. Fährt jeden Morgen zitternd diesen Weg. Fährt am Nachmittag zurück in die elterliche Wohnung, in das von je her verhasste Dorf, dem es lieber früher als später entfliehen möchte. Zu Eltern, denen es nichts zu sagen hat, weil sie es ohnehin nicht verstehen, sondern verurteilen würden. Hat nicht das Selbstbewusstsein, einen Ausweg zu sehen. Legt sich aufs Bett und verkriecht sich in Büchern, um der Einsamkeit zu entfliehen. Nicht darüber nachzudenken wie sinnlos dieses Leben im Pendel zwischen Arbeit – Essen –  Schlafen – Arbeit ist.

Ich würde meinem 18jährigen Ich gern erzählen wie sich Freiheit anfühlt; wie es ist, Stolz auf alles erreichte zu sein und Träume zu leben.

Leider werden wir uns nie begegnen.

Doch ich weiß, dass wir es schaffen!

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

8 Kommentare zu „Begegnung

  1. Das ist sehr anschaulich geschrieben, berührend sogar: mein 18jähriges Ich feierte seine ersten Weihnachten nicht bei den Eltern, die hatten es nämlich rausgeworfen und wegen mangelndem Unterwerfungswillen ein Jahr lang mit Nullkontakt zu bestrafen versucht. Bedauerlich, aber befreiend.

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