Marlen #8

„Marlen“ ist eine meiner Fortsetzungsgeschichten, die ich im Rahmen der abcEtüden begonnen habe. Die Etüden sind gerade im Advent und so dachte ich, ich spinne den Faden ohne Wortvorgabe ein wenig weiter:

Fast drei Stunden hatte Marlen auf dem Polizeirevier verbracht. Den größten Teil der Zeit davon wartend. Darauf, dass jemand Zeit für sie hatte. Anschließend darauf, dass man jemanden fand, der sich mit Stalking auskannte. Der jedoch war  wohl im Urlaub. Am Ende musste sie die Beamten fast überreden, eine Anzeige aufzunehmen. Man hatte ihr schließlich geraten, einen Anwalt aufzusuchen.

Als sie das Revier verließ schlug ihr feinster Niesel ins Gesicht. Er erfrischte sie. Machte sie ein wenig wacher.

Sie war so unendlich müde.

Unschlüssig stand sie auf dem Gehweg.

Völlig Leere hatte sich in ihrem Kopf breit gemacht.

Jemand kam hastig aus der Tür des Polizeireviers hinter ihr. Rempelte sie heftig an. Rannte achtlos weiter, im Laufen die Kapuze hochschlagend.

Marlen sah ihm nach.

Irgendetwas irritierte sie.

Sie sann darüber nach.

Dann erschrak sie.

Der Geruch!

Der sie eben angerempelt hatte, roch nach seinem schweren Parfüm, das sie einmal gemocht hatte.

Sie hob den Kopf. Streckte sich auf die Zehenspitzen. Schaute ihm nach. Die Straße lag leer und grau. Der Mann längst um die nächste Ecke oder wohin auch immer verschwunden.

Sah sie jetzt wirklich schon Gespenster?

Natürlich hatte einer der Beamten so etwas angedeutet. Er hatte sich mit Mühe ein Grinsen verkniffen und sich kurz da hinein gesteigert: Hatten Sie in letzter Zeit Stress? Schlafen Sie schlecht? Nehmen Sie Medikamente? Und Marlen musste sehr an sich halten, um die Fragen ruhig zu beantworten.

Ein Ruck ging durch sie hindurch.

Sie brauchte einen Anwalt. Kurz entschlossen zückte sie ihr Handy und rief ihren Kollegen an.

Nach kurzem Klingeln ging er ran und sagte freudig:

„Hallo Marlen! Wie komm ich zu der Ehre?“

Es war ihr fast peinlich wie sehr er wusste, dass sie wohl etwas brauchen würde, weil sie ihn sonst nie anrief, obwohl er sich schon mehrmals um sie bemüht hatte. Einladungen zum Essen oder Kino hatte sie aber immer abgelehnt.

„Hallo Markus!“ krächzte sie und wunderte sich selbst, wie heiser ihre Stimme klang: „Es tut mir leid, dass ich dich störe…“

„Du störst nicht!“ sagte er in ihre Atempause: „Wie kann ich dir helfen?“

Er klang dabei so herzlich, dass Marlen plötzlich Tränen in den Augen. Sie atmete tief durch.

„Du hast doch erzählt, dass deine Schwester Anwältin ist“ fing sie an: „Könntest du mir einen Kontakt zu ihr herstellen?!“

„Oh…ist dir etwas passiert?“ fragte er: „Sabine macht aber nur Strafrecht. Wozu brauchst du das?“

Marlen setzte schon zu einer Antwort an als Markus hinzufügte:

„Okay. Geht mich ja nichts an. Sabine und ich treffen uns nachher auf einen Wein…“ er machte eine Pause: „Willst du dazu kommen?“

Sie schwieg.

Der Nieselregen zog langsam bis in die Knochen.

„Marlen?!“

Sie räusperte sich.

„Meinst du, das geht?“ fragte sie fast schüchtern.

„Klar!“

Er erklärte ihr, wann und wo sie sich treffen würden und sie vereinbarten, dass Marlen etwas später dazu käme. Als sie aufgelegt hatten, atmete Marlen auf. Irgendwie schien es ihr wie ein Lichtblick, mit Markus gesprochen zu haben.

Sie winkte ein Taxi heran, dass gerade vorbeifuhr und gönnte sich den Luxus.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

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