#Writing Friday: Abgang

Sie fuhren mit dem Schlitten rasend schnell den Hügel hinab, ohne zu merken, dass sich weit oben am Berg ein Schneebrett gelöst hatte, das langsam ins Tal u rutschen begann und auf seinem Weg nach unten mehr und mehr an Geschwindigkeit aufnahm. Das Brett sammelte wie ein Schneeball weiteren Schnee ein. Aber auch Geröll, Steine, kleinere Büsche wurden von der Masse niedergedrückt, entwurzelt und in die bewegliche Menge eingewoben. Je schwerer die Ansammlung wurde, umso schneller wurde sie.

Noch hatte der Schlitten einen Vorsprung. Sonne schien in die lachenden Gesichter des Paares die über eine Bodendelle hüpften und dabei – in einer Mischung aus Überraschung und Angst – juchzten.

Währenddessen wurde der Vorsprung im gleichen Maß kleiner wie die Menge der Lawine wuchs und mit jedem Meter gewaltiger wurde.

Der Schlitten mit den beiden jungen Menschen darauf sah winzig aus wie er vor den Schneemassen dahin sauste. Sie hörten es erst als die ersten aufgewirbelten Schneestaubwolken ihnen von hinten ins Gesicht wirbelten. Im selben Moment als sie sich umdrehen wollten, ergriff sie der erste Ausläufer der Welle, erfasste den Schlitten, den Mann. Bedeckte alles mit Schneekristallen, die ins Gesicht stachen, unter die Brille stoben, die Sicht nahmen. Rissen und zerrten an Körpern und Schlitten. Oben und unten verdreht, verwirbelt, verworren.

Innerhalb von Sekunden verloren beide die Orientierung. Es wurde dunkel um sie herum. Sie verloren sich. Wussten nicht voneinander.

Etwas traf Maja am Kopf. Riss ihr die Brille aus dem Gesicht. Ob sie noch eine Mütze trug, konnte sie nicht erfassen. Es drehte sich immer noch alles um sie herum.

Stille.

Maja hätte nicht sagen können, ob sie zwischenzeitlich bewusstlos gewesen war oder weshalb sie sonst nicht sagen konnte, wie lange es gedauert hat, bis sie erfasste, dass sie ruhig lag. Alles herum war ruhig. Beängstigend still.

Etwas drückte auf ihre Beine. Sie bewegte die Zehen. Alle zehn ließen sich bewegen. Hände? Frei und ohne Schmerzen. Der Kopf? Okay.

Sie schrie.

Vielleicht.

Hörte sich selbst nicht.

Wo war Elias?

Sie sah nichts.

Waren ihre Augen überhaupt offen?

Einatmen.

Ausatmen.

Ihr fiel etwas ein. Sie hatte es in einem Buch gelesen. Was war das nur?

Ach!

Spuke sammeln!

Ihr Mund war kalt von innen und eistrocken.

Sie versuchte es.

Ließ einen winzigen Spucketropfen aus ihrem Mund laufen.

Er rann ihr in die Nase.

Sie lag also kopfüber.

Nicht gut.

Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, sich einmal seitwärts um die eigene Achse zu drehen. Dabei ertastete sie, dass der Schlitten wie eine Art Schutzkäfig über ihrem Rücken gewesen war. Er hatte wahrscheinlich dafür gesorgt, dass sie überhaupt noch lebte und nicht zerquetscht worden war.

Jetzt war der Schlitten vor ihrem Brustkorb. Der Platz reicht jedoch nicht, um sich auch vom Kopf auf die Füße zu stellen. Unmöglich. Sie versuchte mit den Füßen nach oben zu treten. Sie fest es ging. Eisstücke fielen ihr ins Gesicht. Es fühlte sich an wie Glas. Eines traf ihre Oberlippe. Warme Flüssigkeit rann ihr in die Nase, über die Augen. Blut.

Sie hörte auf zu treten. Versuchte stattdessen mit den Händen nach oben am Schlitten entlang, was sie greifen konnte – Schnee, Eis, Steine – unter sich zu schieben. Weit unter sich. Bis ans Ende ihres Rückens, so dass sie sich um ihren Kopf herum ein wenig Platz verschaffte. Aber es war mühselig. Kostete sie unendlich Kraft. Zeitlupenartig kratzte sie geringe Mengen ab. Ermattete.

Gänzlich.

Verlor das Bewusstsein.

Stille.

Hundegebell. Grelles Licht. Kratzen. Buddeln. Laute Rufe. Männerstimme.

„Hiiiier!“ rief jemand durchdringend: „Hier ist jemand!“

Die Hunde bellten, während drei Männer den Schnee schaufelten.

Sie fassten Majas Beine und zogen sie empor.

Vorsichtig.

Langsam.

Eine zu schnelle Bergung konnte den Tod bedeuten.

Das Gesicht blaugefroren.

Eis an den Wimpern.

Leblos.

Jemand warf eine Rettungsdecke über sie.

Einer suchte nach Puls. Schüttelte den Kopf.

Eine Trage wurde gebracht.

Maja wusste nichts davon.

Ein Hubschrauber brachte sie ins Krankenhaus.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

6 Kommentare zu „#Writing Friday: Abgang

  1. Das ist sehr, sehr realistisch geschrieben und in einer Art, die einerseits zum Thema passt und mir andererseits sehr gut gefällt. Unter einer Lawine begraben zu sein, finde ich sehr beängstigend und dein Text hat das leicht angetriggert, was natürlich für den Text spricht. Nur den Titel mag ich nicht besonders.
    Hast du dir die Sache mit der Spucke ausgedacht, oder gehört das zu empfohlenen Verhaltensweisen in so einer Situation ?

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo!
      Vielen dank für dein feedback. es freut mich sehr!
      ich habe mir das nicht ausgedacht. ich habe es selbst gelesen in einem buch und fand man müsse sich das unbedingt merken, falls man mal in eine lawine gerät 😉 (ich fahr nie in den schnee)

      Gefällt 1 Person

      1. Naja, für mich bezog sich „Abgang“ auf den Tod der Protagonistin und das fand ich etwas brutal in der Wortwahl, aber inzwischen ist mir klar geworden, dass es sich auch auf den Lawinenabgang beziehen könnte …

        Gefällt 1 Person

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