Vergessen #3

Lucinda verbrachte das Wochenende mit langen Spaziergängen. Telefonierte mit einer Freundin. Las viel. Vergaß fast, was geschehen war und hatte schon am Freitagabend beschlossen, nun doch endlich wieder zur Arbeit zu gehen.

Am Montag nahm sie einen anderen Weg zum Bus als sonst. Dieser war zwar ein wenig länger, aber das Wetter war so schön mild und sie war ohnehin zu früh aufgestanden, ausgeschlafen wie sie war.

Während sie ging, stellte sie fest, dass der Weg auch deutlich schöner war als ihr bisheriger: von Bäumen gesäumt, die von der Morgensonne durchstrahlt waren. Es roch wunderbar frisch. Sie würde diesen Weg nun immer nehmen. Auf die sechs Minuten mehr kam es schließlich nicht an.

Bei der Arbeit kam sie vor allen anderen an. Die Büros lagen ruhig und verwaist. Auf ihrem Schreibtisch standen Blumen. Eine Karte stand an die Vase gelehnt. Lucinda nahm sie in die Hand, drehte sie und las:

   Herzlich Willkommen zurück!

       Deine Kollegen

Sie lächelte.

Alles kam ihr ein wenig unwirklich und fremd vor. Als wäre sie nicht eine Woche, sondern ein ganzes Jahr weg gewesen. Ähnlich dem Gefühl, lange in einem Urlaub gewesen zu sein. Sie vertraute darauf, dass sich das spätestens geben würde, wenn die anderen wieder da waren und sie in ihrer Arbeit versank.

Da hörte sie auch schon Schritte im Flur. Leises Stimmengemurmel drang zu ihr herüber. Es klang als kämen zwei, ein Mann und eine Frau über den Flur zu ihr. Bestimmt Barbara und Eduard. Die beiden waren sonst immer zuerst da.

Erwartungsvoll sah sie zur Tür.

Dann blieb ihr fast die Luft weg.

Sie musste sich setzen.

Das sah sicherlich merkwürdig aus für die beiden Kommissare.

„Guten Morgen, Frau Walther“ sagte Kommissar Benner und kam mit ausgestreckter Hand lächelnd auf sie zu. Lucinda schien es als hätte er einen spöttischen Zug um den Mund. „Sie waren nicht mehr zuhause.“ Er machte eine kurze Pause: „Deshalb dachten wir, dass wir Sie hier finden würden. Wir müssen dringend noch einmal mit Ihnen sprechen!“

Lucinda nahm die Hand. Benner drückte ziemlich heftig zu. Lucinda rang nach Luft und sagte: „Aha!“ räusperte sich und sagte: „Setzen Sie sich doch! Es ist ja noch niemand hier.“

„Nun…Es wäre wohl besser, wenn Sie uns begleiten!?“

Lucinda starrte ihn an.

„Was? Warum?“

Man hörte jetzt, dass mehrere Menschen den Gang entlang kamen. Stimmen. Lachen. Lucinda stand auf. Nahm ihre Jacke vom Haken hinter ihrem Schreibtisch, während Benner sagte:

„Lassen Sie uns das auf dem Revier klären!“

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: