Vergessen #2

„Vergessen“ ist ein Krimi, den ich im Rahmen der abcEtüden angefangen habe und verschiedene Fortsetzungen veröffentlicht hatte, die ich hier – in Vorbereitng auf eine Fortsetzung – noch einmal zusammenfassen möchte:

Der Mann war tot.

Lucinda sah sich panisch um. Kein Mensch. Nirgends. Die Dämmerung wollte gerade zur Dunkelheit werden. Sie hatte Angst. Kälte hielt ihr Herz umklammert. Ein Schrei stieg ihr in die Kehle. Doch sie wollte nicht, das Püppchen aus dem Krimis sein, die sie so gern las, und hysterisch Kreischen. Doch was sollte sie tun. Noch einmal sah sie sich um. Dann suchte sie ihr Handy mit zitternden Händen aus der Tasche und wählte den Notruf.

Nachdem die sachliche Stimme am anderen Ende sie angewiesen hatte, vor Ort zu bleiben und zu warten bis die Polizei dort wäre, legte sie auf und stand zitternd in der Kälte.

Die Gedanken jagten kreuz und quer durch ihren Kopf, während sie dort allein in der Dunkelheit stand. Im Haus der Oberraths brannte kein Licht. Vielleicht waren sie nicht da.

Immer noch war kein Mensch zu sehen.

Lucinda versuchte abzuwägen: wäre es klug, zuzugeben, dass sie den Mann schon am Morgen dort liegen sehen hatte? Würde es die Ermittlungen nicht unnötig erschweren, wenn sie es nicht sagte? Aber warum hatte niemand sonst etwas unternommen? Den ganzen Tag gingen hier Menschen zum Bus – wie sie. Jemand musste ihn doch gesehen haben. Warum hatte niemand sonst sich um ihn gekümmert? Hatte er am Morgen noch gelebt? Hätten sie ihn retten können?

Lucinda hörte die Sirenen. Blaulicht flackerte durch die Nacht. Innerhalb einer Minute war sie umringt von blauflirrendem Licht, schwarzbekleideten Menschen mit Waffen an der Seite und Taschenlampen, die sie blendeten. Eine Frau in einem grauem Blouson über dunkelblauer Bluse kam auf Lucinda zu, zeigte einen Ausweis und stellte sich vor:

„Hauptkommissarin Markgraf! Sie haben die Person gefunden?“

Lucinda nickte.

„Kann ich bitte Ihren Ausweis sehen!?“

Wieder nickte sie und begann in ihrer Handtasche zu kramen. Fand ihr Portemonnaie, zog das Dokument heraus und reichte es der Kommissarin. Die leuchte kurz mit der Taschenlampe darauf, sah Lucinda ins Gesicht und nickte dann ebenfalls, nur knapper. Lucinda steckte den Ausweis wieder ein, während die Kommissarin fragte:

„Wann haben Sie den Mann entdeckt?“ ihr Ton war ruhig und sachlich und doch meinte Lucinda schnell antworten zu müssen:

„Als ich eben von der Arbeit kam.“

Nun war es passiert: sie hatte nicht die Wahrheit gesagt, zumindest nicht die ganze.

„Wann war das?“

Die Kommissarin befragte Lucinda ausführlich, während die übrigen Polizisten den Tatort absicherten, Flatterbänder zogen, einen Sichtschutz aufstellten und mit ihren Untersuchungen begannen. Einige Beamte mussten die inzwischen von dem Blaulicht und den Sirenen bei der Anfahrt angelockten Schaulustigen vom Tatort fernhalten. Letztendlich sagte Kommissarin Markgraf zu Luci:

“Sie fahren jetzt mit dem Beamten auf das Revier und geben ihre Aussage zu Protokoll. Wir kommen sicher später noch einmal auf Sie zu, um eventuell weitere Fragen zu klären! Bitte bleiben Sie in der Stadt! Haben Sie eine Reise oder einen Urlaub geplant?“

Luci schüttelte mit dem Kopf. Die Kommissarin winkte einem Beamten, der heran kam und Lucinda zu einem Streifenwagen brachte. Als sie auf dem Rücksitz saß – wie ein Verbrecher – liefen ihr Tränen übers Gesicht. Sie war erschöpft, müde und verwirrt. Sie hatte alles gesagt, was sie wusste – außer dass sie den Mann…den Körper…die Leiche? schon am Morgen gesehen hatte. Nun würde sie dabei bleiben müssen. Den Todeszeitpunkt würde die Polizei auch anderweitig ermitteln können. Dafür brauchte man ihre Aussage nicht.

Lucinda wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie hob den Kopf und sah im Rückspiegel in die Augen des Beamten, der sie fuhr. Er sah nicht zu ihr. Achtete nur auf den Verkehr. Bis er bemerkte, dass sie ihn ansah. Dann schaute er sie kurz an und sagte: „Wir sind gleich da!“

Kein Lächeln. Nur eine Sachinformation. Kein weiteres Interesse.

Wenig später geleitete er sie im Polizeigebäude in eine Art Schreibbüro und setzte sie dort zu einer anderen Beamtin an den Tisch, informierte diese kurz, worum es ging und dann ging das Verhör von vorn los. Lucinda wiederholte ihre Aussage und nach einer weiteren Stunde war sie endlich fertig. Nachdem sie unterschrieben hatte, durfte sie gehen. Es war inzwischen nach Mitternacht. Die Stadt lag in völliger Ruhe. Alles schien zu schlafen. Selbst die Blätter der Bäume bewegten sich nicht.

Mühsam, erschöpft setzte Lucinda einen Fuß vor den anderen. Die aufgescheuchte Verwirrtheit war jetzt einer müden Trotzigkeit gewichen, die ihr half, das schlechte Gewissen ein wenig zu beruhigen. Hoffte sie. Sie wollte jetzt nicht mehr darüber nachdenken. Immerhin hatte sie dafür gesorgt, dass die Lage überhaupt erst erkannt wurde. Wer weiß wie lange die Leiche dort sonst noch gelegen hätte…

Verschweigen ist keine Lüge hämmerte ihr jeder Schritt ein. Sie hatte zwar nicht die Wahrheit gesagt, also zumindest nicht die ganze. Schließlich stimmte es: sie hatte auf dem Rückweg von der Arbeit entdeckt, dass der Mann tot war. Mehr musste die Polizei nicht wissen. Jedenfalls nicht von ihr…Langsam kam die Ruhe in ihr an. Der Trotz wich der Erschöpfung gänzlich und lief einfach langsam weiter.

Als sie in ihre Straße einbog, sah sie am anderen Ende immer noch die Blaulichter flackern. Die Polizei war wohl immer noch nicht fertig mit ihrer Arbeit. Lucinda hatte keine Ahnung, was es da so lange zu tun gab, außer dem Halbwissen aus irgendwelchen Krimiserien. Aber sie konnte wohl schlecht hingegen und zuschauen. Das wäre sicher ….verdächtig? Mindestens wäre es auffällig.

Wer der Mann wohl war?

Luci grübelte, ob er ihr irgendwie bekannt vorgekommen war. Im Kopf durchsuchte sie ihr Namensgedächtnis.

Gewissenhaft.

Ergebnislos.

Warum hatte er dort gelegen? War er dort gestorben oder …hatte ihn jemand dort hingelegt?

Lucinda versuchte sich zu erinnern: hatte sie irgendwo Blut gesehen? War er vielleicht sogar …ermordet worden? Oder warum starb jemand auf offener Straße in irgendeinem Gebüsch? Und was hatten die Oberraths damit zu tun?

Lucinda schüttelte den Kopf: das ging sie doch alles gar nichts mehr an! Sie hatte ihn gefunden, die Polizei gerufen – fertig! Was ging sie ein fremder Mann an? Noch dazu ein toter…

Sie schloss ihre Wohnungstür auf. Machte kein Licht. Ging ins Bad, putzte Zähne, zog sich auf dem Weg ins Schlafzimmer aus, ließ einfach alles fallen und sich selbst dann ins Bett.

Sie schlief augenblicklich ein. Tiefe Dunkelheit umfing ihr Gehirn.

Dass sie leider ihren Wecker nicht gestellt hatte, merkte sie am nächsten Morgen gegen zehn als die Sonne ihr ins Gesicht schien und zurück ins Leben holte. Mit einem Fluchen sprang sie aus dem Bett…das heißt: sie wollte, sackte dann aber ein wenig ein, weil ihr schwindelig war.

Lucinda stöhnte auf.

Dann stand sie langsam noch einmal auf und wankte in die Küche. Sie füllte die Kaffeemaschine und machte sich dann auf die Suche nach ihrem Handy. Sie rief im Büro an, meldete sich krank, nahm sich eine Tasse Kaffee und setzte sich an ihren Laptop.

Sie durchsuchte die Meldungen. Auf Facebook fand sie zunächst nichts. Keine Meldung im Blaulichtreport. Dann suchte sie in den Tageszeitungen. Nichts. Auf den Seiten der überregionalen Nachrichtensender versuchte sie es gar nicht erst.

Frustriert klappte sie den Laptop zu.

Sie stellte die Tasse beiseite. Ging in den Flur. Griff nach ihrem Haustürschlüssel und ging aus der Wohnung.

Im nächstgelegenen Tabakladen kaufte sie sich eine Zeitung und blätterte sie hastig durch. Und endlich fand sie, was sie suchte: eine klitzekleine Meldung:

 „Gestern in den späten Abendstunden wurde in der Hans-Weißgerber-Straße eine männliche Person leblos aufgefunden. Die Polizei konnte die Identität des Mannes bisher nicht klären, da er keinerlei Papiere bei sich hatte. Auch zur Todesursache können zur Zeit noch keine Angaben gemacht werden. Ein Fremdverschulden ist jedoch nicht auszuschließen.“

Also doch! Dachte sie: Mord. Sie hatte ein Mordopfer gefunden.

Ihr wurde schwindelig. Sie rannte ins Bad.

Lucinda vergrub sich im  Bett. Zog sich die Decke über den Kopf und presste die Lider fest zusammen. Sie wollte schlafen. Wollte es so unbedingt, dass ihr nach einem Moment regelrecht die Augen weh taten. Doch ihre Gedanken fuhren Achterbahn:

War er – als sie ihn am Morgen hatte liegen sehen – noch am Leben gewesen? Hätte sie ihn retten können?

Vor diesen Fragen hatte sie sich die ganze Zeit gedrückt. Darüber wollte sie am wenigsten nachdenken.

Sie schlug die Bettdecke zurück und sprang wieder aus dem Bett. Eine kalte Dusche würde ihr gut tun.

Es klingelte an der Tür.

Lucinda erstarrte in ihrer Bewegung. Stand unbeweglich da und lauschte dem Türklingeln nach. Wenn sie ganz leise war, würde der Klingler wieder gehen. Da war sie sich sicher. Schließlich wäre sie ohnehin um diese Uhrzeit bei der Arbeit.

Es klingelte erneut.

Lucinda wagte kaum zu atmen. Stand immer noch wie steingeworden.

Sie würde nicht zur Tür gehen.

Es klopfte. Ziemlich laut.

Lucinda schrak zusammen.

Gegen ihren Willen bewegten sich ihre Füße in Richtung Tür. Sie hörte eine barsche Stimme rufen: „Frau Walther! Machen Sie bitte auf! Hier ist Kommissarin Markgraf.“

Lucinda löste die Kette, schloss die Tür auf und öffnete.

„Entschuldigung!“ sagte sie leise: „Ich bin…es geht mir nicht so gut. Tut mir leid!“

Die Kommissarin lächelte bemüht: „Schon gut! Entschuldigen Sie, dass wir Sie stören!“

Erst jetzt – als sich die Markgraf halb nach links hinten drehte und auf ihren Kollegen deutete, der auf der Treppe stehen geblieben war – bemerkte Lucinda, dass die Kommissarin nicht allein war. „Wir müssten Ihnen noch ein paar Fragen stellen. Dürfen wir reinkommen?“

Lucinda öffnete die Tür und machte eine zaghafte Handbewegung in Richtung der Küche.

Die beiden Polizisten traten ein. Lucinda blieb noch einen Moment stehen. Sie sah auf ihre nackten Füße.

„Wo möchten Sie, dass wir uns unterhalten?“ fragte die Kommissarin.

Lucinda schaute hoch. „Oh…gehen Sie doch bitte gerade zu in die Küche!“ Sie schloss die Tür. Ging an den beiden Beamten vorbei und fragte: „Möchten Sie Kaffee?“

Die Kommissarin sagte sehr schnell: „Sehr gern!“ während ihr Kollege mit fester Stimme: „Nein. Danke!“

Lucinda ging darüber hinweg. Nahm eine Tasse und schenkte Kaffee ein, stellte die Tasse auf den Tisch: „Bitte! Setzen Sie sich doch!“ Dann sah sie den Beamten an und sagte: „Würden Sie mir vielleicht verraten, wie Sie heißen?!“

„Oh…Entschuldigen Sie. Ich bin Kommissrin Benner.“ Er reichte ihr die Hand und setzte sich dann auf einen der Küchenstühle. Die Kommissarin sagte: „Kommissar Benner und ich bearbeiten den Fall des Toten, den Sie gestern gefunden haben. Sie sind die einzige Person, die irgendeinen Kontakt zu diesem …Menschen hatte…für uns. Deshalb müssen wir Ihnen noch ein paar Fragen stellen.“

Lucinda setzte sich den Kommissaren gegenüber.

„Ich habe gelesen, dass seine Identität noch nicht geklärt ist.“

„Ja. So ist es.“ sagte Benner während er sein Handy aus der Tasche nahm. Er tippte darauf herum und hielt ihr dann ein Foto auf dem Smartphone entgegen: „Haben Sie diesen Mann schon einmal gesehen? Kennen Sie ihn?“

Lucinda betrachtete das Foto.

Auf dem Foto sahen seine Haare gar nicht mehr so kupferrot aus wie gestern in der Morgensonne. Eher dunkelblond und unauffällig. Die Haare waren gerade lang genug, dass man sie nach hinten kämmen konnte. Unter der hohen Stirn schauten sehr blaue Augen aufmerksam. Die Nase, schmal und markant, war ein wenig lang. Die Lippen waren sanft geschwungen. Ein leichtes Lächeln ließ gerade, weiße Zähne sehen. Er war glatt rasiert, wirkte aber wie einer dieser Männer, der sich sehr oft rasieren mussten.

Offensichtlich ein Bewerbungsfoto oder etwas ähnliches auf dem der Porträtierte versuchte einen sympathischen Eindruck zu machen. Er sah gut aus.

„Haben Sie diesen Mann schon einmal gesehen?“ fragte jetzt die Kommissarin.

„Ich bin mir nicht sicher“ sagte Lucinda wider Erwarten: „Ich glaube, …aber ich bin mir nicht sicher…letzte Woche hat sich jemand bei uns in der Firma beworben…der sah ihm zumindest sehr ähnlich.“

„Okay“ sagte Benner und zog die Hand mit dem Smartphone zurück. „Warum haben Sie das gestern nicht erwähnt?“

„Weil ich es nicht gesehen habe“ sagte Lucinda spontan: „Er lag mit dem Gesicht im Gebüsch.“

Die Beamten wechselten einen schnellen Blick. Dann sagte die Kommissarin: „Hatten Sie direkt mit ihm Kontakt?“

„Ich habe eine Gruppe Bewerber vor der Tür stehen sehen“ erwiderte Luci: „Einige haben geraucht. Ich habe mir Feuer geben lassen von einem. Dort stand er dabei …also wenn er das war. …er sah….(fast hätte sie ‚lebend’ gesagt) …da ganz anders aus, aber er könnte es gewesen sein.“

„Haben Sie mit ihm gesprochen`? Wissen Sie wie er heißt?“ fragte Benner.

„Nein“ sagte Lucinda mit großen Augen: „Ich hab mir nur Feuer geben lassen. Sonst nichts.“

Martina Markgraf sah sie an. Luci schlug den Blick nieder. Sie wollte nicht durchgecheckt werden wie eine Verbrecherin.

„Gut!“ sagte die Kommissarin: „Dann versuchen wir in Ihrer Firma herauszufinden, ob jemand weiß, wie er heißt.“ Sie stand auf. „Danke Frau Walther! Das ist zumindest ein erster Anhaltspunkt.“ Lucinda stand ebenfalls – gleichzeitig mit Benner – auf. Sie gingen in Richtung Wohnungstür.

Luci fragte: „Wurde er …wirklich ermordet?“

Die Kommissarin blieb stehen, sah sie an und meinte: „Nun…das wird noch untersucht. Belasten Sie sich nicht damit!“

Sie verabschiedeten sich. Lucinda schloss die Tür.

Lucinda lehnte sich mit dem Rücken an die Tür und schloss die Augen. Sie hatte schon wieder einen üblen Geschmack im Mund. Sie versuchte tief zu atmen. Einmal, zweimal…sie würgte. Stieß sich von der Tür ab und rannte das zweite Mal an diesem Morgen ins Bad und musste sich übergeben. Sie blieb erschöpft, neben der Toilettenschüssel an die Wand gelehnt, liegen und begann zu weinen.

Irgendwann raffte sie sich hoch. Ließ sich kaltes Wasser über die Hände laufen und tauchte ihr Gesicht darin ein.

Der Gedanke, dass sie diesen toten Mann gekannt hatte…also ihn zumindest lebend getroffen hatte …machte sie traurig, betroffen. Es fühlte sich dumpf an und sie fragte sich wieder und wieder, ob sie hätte helfen können, wenn sie schon am Morgen nach dem anscheinend schlafenden gesehen hätte. Warum hatte denn niemand sonst ihn dort liegen sehen und ihm geholfen?

Sie würde es wohl nie erfahren.

Eine Woche lang ging Lucinda nicht zur Arbeit. Blieb krankgeschrieben zu Hause und versuchte, das alles zu vergessen. Es gelang ihr. Fast. In ihren Träumen geisterten Bilder von dem Mann herum, den sie um Feuer gebeten hatte als er vor ihrer Firma stand, aber wenn sie wach war, wusste sie nicht genau, ob es wirklich der gleiche Mann gewesen war.

Sie hatte jeden Tag die Zeitung durchsucht. Es stand nichts drin.

Am Freitag kam ihre Mutter vorbei. Sie regte sich in typischer Manier darüber auf wie es in Lucis Wohnung aussah. Begann unaufgefordert aufzuräumen, abzuwaschen und steckte eine Ladung Wäsche in die Maschine. Dabei redete sie unaufhörlich auf Lucinda ein. Sprach von irgendwelchen Leuten, die in ihrer Nachbarschaft wohnten und Lucinda schon lange egal waren. Erzählte über ihr neues Buch, den letzten Film und eine ziemlich sinnlose Fernsehserie, über die sie sprach als kennte sie jeden einzelnen Darsteller persönlich.

Das Geplapper regte Lucinda auf, lenkte aber auch ab.

Während ihre Mutter so durch die Wohnung wuselte, zog sie sich an und ging dann in die Küche und sagte:

„Komm, Mama! Wir gehen ein bisschen spazieren und essen dann zusammen irgendwo!“

Ihre Mutter hielt inne und sah sie prüfend an. Dann legte sie das Putztuch beiseite, trocknete ihre Hände ab und meinte:

„Eine schöne Idee!“

Sie verließen gemeinsam die Wohnung und schlenderten durch die Straßen in den Park. Lucinda genoss, dass ihre Mutter einfach ihr Schweigen respektierte. Verstohlen betrachtete sie sie von der Seite: Sie sah immer noch gut aus mit ihren 45 Jahren. Hier draußen wirkte sie auch gar nicht wie das Muttertier, das sie gerade noch in ihrer Küche abgegeben hatte. Eher wie die dynamische jung gebliebene Geschäftsfrau, die sie war. Sie und Lucinda wirkten wie zwei Freundinnen, die zusammen durch den Park spazierten. So empfand Lucinda es auch.

Irgendwann begann sie zu erzählen. Sie erzählte ihrer Mutter alles. Diese hörte schweigend zu. Im Laufe des Gesprächs legte sie einen Arm um Lucindas Schultern und gab ihr damit genau den Halt, den sie brauchte.

Am Ende waren sie bei einem griechischen Restaurant angekommen, in dem sie schon hin und wieder gegessen hatten als sie noch eine Familie gewesen waren. Katherin Walther nahm ihre Tochter an den Schultern und sah ihr in die Augen: „Du bist nicht schuld!“ sagte sie beschwörend: „Das darfst du nicht vergessen! Und jetzt! Gehen wir schön essen und sprechen über etwas anderes!“

Lucinda nickte.

Als Lucinda am Abend nach Hause kam, fühlte sie sich voller Energie. Das Gespräch mit ihrer Mutter war leicht und voller gemeinsamem Verständnis gewesen. Sie hatten über alles Mögliche gesprochen. Auch über ihren Vater, deren Trennung ihre Mutter lange nicht verwunden hatte. Raik Walther hatte getan, was alle Männer tun, wenn sie das Gefühl haben alt zu werden: er war mit einer jüngeren Frau in ein neues Leben gestartet. Plagte sich jetzt – im Alter von 52 Jahren – mit schlaflosen Nächten wegen eines schreienden Babies. Sah blass und unausgeschlafen aus, lächelte dazu in einer Art, die seiner Meinung nach Glückseligkeit verheißen sollte, meist aber eher gequält wirkte.

Lucinda war fest überzeugt, dass ihr Vater längst bereute, diesen Weg gegangen zu sein. Doch er sprach nicht darüber. Er wusste, dass all die Verletzungen, die er Katherin angetan hatte – wochenlang hatte er geschwiegen, während er eine neue Wohnung mit seiner neuen Frau einrichtete – alle Brücken in sein altes Leben gesprengt hatten. Auch die zu Lucinda war nur noch eine wackelige Zugbrücke, die an zwei seidenen Fäden hing.

Als er ihr vor einigen Wochen zerknirscht erzählen wollte, dass er nicht wisse wie er seiner Marie-Ann vermitteln sollte, dass er nicht noch einmal heiraten wolle, hatte Lucinda sich fast vor Lachen an ihrem Kaffee verschluckt. Daraufhin war er beleidigt aufgestanden, hatte den Kaffee für sie beide gezahlt und war gegangen.

Lucinda hatte ihm nachgesehen: er war einmal ihr strahlender Held gewesen. Der Rächer aller Ungerechtigkeiten, in seinen stets akkuraten Anzügen, in denen er vor Gericht auftrat und meist Frauen bei Scheidungen vertrat. Welch Ironie des Schicksals. …seine eigene Scheidung hatte er für ihre Mutter tatsächlich nach allen Regeln der Fairness gestaltet, so dass sie beide einen gemeinsamen Anwalt benutzen konnten, ohne sich zu streiten. Seine letzte Heldentat in ihren Augen.

Der Termin war heute gewesen. Der eigentliche Grund weshalb ihre Mutter frei hatte.

Sie hatten sich zum Schluss Sekt bestellte und darauf angestoßen.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

2 Kommentare zu „Vergessen #2

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