Halloween | Writing Friday

Dieser Text ist ein Beitrag zur Aktion „Writing Friday“ von Elizzy. Ich habe mich für die Aufgabe „Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz “Wir hatten es geschafft, endlich konnten wir nun…” beginnt.“ entschieden:

Halloween

Wir hatten es geschafft, endlich konnten wir nun in unser neues Haus ziehen und die Früchte unserer Arbeit genießen. Wir hatten lange darauf hingearbeitet. Hatten lange und ausgiebig gesucht – selbst zu bauen war uns zu mühselig erschienen. Waren viele Kilometer die Küste hinauf und hinab gefahren. Hatten jedes erdenkliche, infrage kommende Objekt besichtigt. Waren immer wieder einmal mit Maklern in Verbindung getreten. Verhandlungen geführt. Hatten gehofft und geträumt und wieder verworfen.

Jahrelang ging das so. Es war zwischendurch auch zermürbend gewesen. Aber es hatte sich alles genau in dem Moment gelohnt als wir vor dem Haus standen, das all unseren Wünschen entsprach: ein wenig Abseits, jedoch nicht zu einsam. Alt, aber gut erhalten. Mit ausreichend Platz für alle und alles. Nebengelass für Hobby und Arbeit. Einen Garten, der Platz genug bot, um selbst ein wenig Gemüse anzubauen.

Nach hinten an einen Wald grenzend, bot es trotzdem einen traumhaften Blick über die Steilküste aufs freie Meer hinaus. Genauso wie wir es uns immer erträumt hatten.

Doch Sie werden kaum glauben, was dann passierte:

Es begann ganz harmlos. Wir bemerkten es am Anfang kaum. Sprachen auch nicht darüber. Jeder glaubte für sich, der andere könnte es gewesen sein oder die Kinder. Dinge verschwanden. Entweder spurlos oder tauchten an einem anderen Ort wieder auf. Manchmal standen sie auch einfach wieder da, hatten sich aber verändert. Das Festnetztelefon, das ohnehin niemand benutzte, zum Beispiel. Es stand plötzlich nicht mehr da. Ich dachte zuerst die Frau hätte es weggeräumt, weil es nie klingelt. Niemand rief heute noch auf einem Festnetztelefon an. Man war mobil und rief die Leute unterwegs an. Zu Hause zum langweiligsten Ort ever erklärt. Dort war doch nie jemand. Deshalb glaubte ich, Marie hätte es einfach weggeräumt. Dann jedoch stand es wieder da. Glänzte silbrig. Dabei war es doch grau gewesen. Es war aber das Gleiche. Ich wunderte mich. Vergaß es dann aber wieder.

Einige Tage später – ich saß im Wohnzimmer und las, Marie kramte in irgendeinem Zimmer herum – klingelte es spät abends an der Tür. Ich stutzte. Erwarteten wir jemanden? Kurz vor neun am Abend? Wer sollte das sein?

Ich lauschte, ob jemand zur Tür ging. Da ich keine Schritte hörte, stand ich auf.  Fand nur einen meiner Pantoffeln. Ging deshalb auf Strümpfen zur Tür. Öffnete.

Nichts.

Niemand da.

Stirnrunzelnd schloss ich die Tür wieder.

Hatte ich mir das Klingeln nur eingebildet?

Marie erschien auf dem Korridor. Das Haar verwuschelt, die Hände mit einem weißen Pulver bedenkt. Sie hielt sie hoch als könnten sie tropfen.

„Wer war das?“

Ich hatte es mir also nicht eingebildet.

„Da war keiner“ sagte ich.

Marie zuckte mit den Schultern und verschwand wieder in ihrem Hobbyraum. Ich stand unschlüssig herum. Schließlich schlurfte ich zum Sessel zurück. Im Augenwinkel nahm ich wahr, dass das Telefon blinkte. Das Festnetztelefon! Es blinkte rot, wiederholt vor sich hin. Ich blieb stehen. Starrte auf den rotleuchtenden Punkt. Spürte das Unbehagen in mir aufsteigen. Starrte darauf und hatte das Gefühl, hypnotisiert zu werden. Langsam hob ich den Arm. Streckte meine Hand nach dem blinkenden Ding aus. In diesem Moment rauschte draußen ein mächtiger Wind durch die Bäume und die Wohnungstür sprang auf. Knallte gegen den Türstopper. Prallte zurück und blieb ein klein wenig offen stehen. Einzelne herbstgoldene Blätter wehten durch den Spalt und blieben unschuldig liegen. Ich stieß gegen das Telefon. Es fiel herab. Zersprang in viele Einzelteile. Einige blieben in der Nähe der Laubblätter liegen. Marie kam aus dem Zimmer. Rief: „Was machst du denn?“ und schaute mich vorwurfsvoll an. Ich schaute von den silbrigen Plasteteilen zu ihr auf und stammelte:

„Ich …ich wollte gerade nach dem Telefon greifen…“

„Warum?“

„Es hat geblinkt.“ Im selben Moment als ich es aussprach, wurde mir bewusst, dass ich nun nicht herausfinden würde, was auf dem Anrufbeantworter gewesen sein könnte.

„Und warum ist die Haustür offen?“ fragte sie schon etwas ungehalten, während sie darauf zuging, um sie zu schließen.

Ich hörte mich sagen: „Das war ich nicht!“ und fand es selbst albern. Marie lachte kurz auf. Sie drehte den Schlüssel im Schloss. „Räumst du das bitte weg!“ und ging wieder in ihr Zimmer.

Nachdem ich alles aufgeräumt hatte, nahm ich die zersprungenen Einzelteile des Telefons mit und versuchte, sie wieder zusammenzusetzen. Ich hatte das Gefühl, ich müsste um jeden Preis herausfinden, was auf dem Anrufbeantworter gewesen sein könnte. Allerdings weigerte sich das Gerät, sich wieder zusammenzufügen. Das ärgerte mich. So sehr, dass ich mich nicht mehr auf mein Buch konzentrieren konnte. Also beschloss ich den Fernseher einzuschalten. Kein Bild. Weißes Rauschen flimmerte. Auf allen Kanälen. Ich drückte und drückte auf den Knopf. Raste durch alle Sender. Es blieb dabei. Kein Programm. Nur Rauschen. Musste ich wohl auf den Dachboden, um die Schüssel zu richten. Der Wind musste sie gedreht haben. Ich saß da und schaute dem Rauschen zu. Vielleicht war es aber auch nicht so wichtig. Ich konnte es morgen tun. Bei Tageslicht. Oben gab es kein Licht. Ich konnte genauso gut ins Bett gehen.

Da hörte ich einen Knall. Ein dumpfer Aufprall. Ich sprang auf und rannte zu Marie hinüber. Die stand mit erhobenen Händen vor ihrem Arbeitstisch, von dem gerade ihre Skulptur abgestürzt sein musste und ebenso zersprungen dalag wie zuvor das Telefon.

„Was ist passiert?“

„Ich weiß es nicht“ antwortete sie aufgeregt und den Tränen nah: „Ich hatte mich nur kurz umgedreht…und“ sie schluchzte ein bißchen: „Ich war gerade fertig!“ Sie schniefte ein wenig. Ich machte einen Schritt auf sie zu, doch sie ging um mich herum und kniete sich zu den Gipsbrocken am Boden. Nahm sie in die Hand, drehte sie. Besah den Schaden. Zog dann die Resttonne unterm Arbeitstisch hervor und warf sie hinein. Es plumspte fünfmal kurz. Es klang deprimierend.

„Irgendwas ist hier heute merkwürdig.“ sagte ich: „Sehr merkwürdig.“

„Was meinst du?“ fragte Marie, sich aufrichtend, zurück. Mit dem Fuß schob sie die Tonne zurück und sah mich an.

„Es klingelt, keiner ist da. Auf dem AB ist ein Anruf, den keiner gehört hat. Der Fernseher rauscht nur noch. Deine Skulptur springt einfach vom Tisch….hier stimmt doch was nicht!“

Marie öffnete den Mund, um etwas zu antworten als plötzlich das Licht ausfiel.

„Siehst du“ rief ich und hörte selbst die leichte Panik in meiner Stimme: „Hier stimmt doch was nicht!“

Draußen stürmte der Wind ums Haus. Wir standen in der Dunkelheit. Die Augen gewöhnten sich langsam. Ich nahm Umrisse wahr. Hörte, dass Marie sich bewegte. Zumindest dachte ich, dass die Geräusche von ihr ausgingen. Doch dann merkte ich, dass es eher wie ein Flüstern klang. Jemand hauchte mir etwas ins Ohr. Ich fuchtelte mit der Hand am Ohr vorbei wie man es machte, wenn man eine Mücke verscheuchen will. Das Flüstern ist plötzlich am anderen Ohr. Wird lauter.

„Marie!“ schrie ich fast. „Hast du eine Taschenlampe hier?“

Jetzt kramte sie wirklich auf ihrem Arbeitstisch herum. „Ich dachte, hier wäre eine…“

Das Flüstern wurde zu einem Fauchen. Laut und bedrohlich. Als wären alle Türen offen. Dinge fielen u Boden. Glas klirrte. Marie schrie auf.

„Marie? Was ist?“

„Ich hab mich geschnitten. Ich blute“

„Oh Gott!“ rief ich: „Warte!Ich geh in die Küche und hole eine Kerze“ Ich tastete mich zur Wand und an ihr entlang in den Korridor. Es klang als würde das Haus erschüttert. Als bräche alles zusammen. Das Fauchen in meinen Ohren erzeugte einen Druck als platze mein Trommelfell.

Ich schaffte es bis in die Küche. Fand die Kerzen. Streichhölzer daneben zu legen, war eine weise Entscheidung der Frau. Drei blies der Wind gleich wieder aus. Dann brannte die Kerze und ich versuchte, die Flamme mit der Hand zu schützen, ging zurück zu Marie. Sie blutete stark aus der Handinnenfläche. Zum Glück hatte sie einen Verbandskasten aus einem unserer früheren Autos in ihrem Arbeitszimmer gelagert. So konnte ich sie verbinden, während der Wind weiter fauchte und ich langsam verstand:

„Hallo-weeeeeen“ raunte es gruselig durchs Haus: „Hallo-ween!“ und es schien als würde irgendwo jemand hässlich grollend lachen.

[geschrieben am 31.10.2020]

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

3 Kommentare zu „Halloween | Writing Friday

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