abcEtüde 45.46.20: Nachtlichter

Die abcEtüden sind Geschichten im Rahmen der Schreibeinladung von Christiane. Hier mein zweiter Beitrag:

Sie lag eingekuschelt in ihrem Bett. Sie mochte es, im Winter mit Eintritt der Dunkelheit – also schon am Nachmittag – ins Bett zu gehen, sich wie in eine Höhle zum Wintersschlaf zurück zu ziehen und wünschte sich, dort bleiben zu können bis im Frühling die Sonne wieder wärmte, die Pflanzen zum Leben erwachten, es grünte und sprießte, lieblich nach Aufbruch rochen und die Menschen ein Lächeln im Gesicht hatten, ohne zu wissen, warum.

Sie mochte es, stundenlang die über die Decke huschenden Nachtlichter zu beobachten, die etwas Hypnotisches hatten. Sie zurückführten – während sie ihre Gedanken einfach laufen ließ wie sie ihr gerade in  den Kopf kamen, ohne ihnen eine größere Bedeutung beizumessen – in die Vergangenheit, zu ihrem kleinen Bruder, der sich sicher aufregen würde, immer noch so genannt zu werden, nur weil er vier Jahre jünger war; was bedeutete, dass er nun auch schon fünfzig wurde. Er würde ihre kleine diebische Freude darüber, ihn so zu nennen, nicht teilen und auch nicht verstehen. Doch sie hatten sich lange nicht gesehen. Die gemeinsame Kindheit war lange her. Zehn Jahre waren es, dass sie am Grab ihrer Mutter gestanden hatten. Ihre Wege hatten sich getrennt als würden sie sich nie gekannt haben. Die Mär vom Blut, das dicker sei als Wasser hatte sie nie geglaubt und nicht empfunden und doch vermisste sie ihren Bruder.Doch wenn sie genauer darüber nachdachte, war es  die kindliche Version seiner selbst, mit der sie so viel Zeit verbracht hatte und die nie verstanden hatte, dass sie stundenlang liegen, den Lichtern an der Decke folgen und sich kein bisschen langweilen konnte.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

8 Kommentare zu „abcEtüde 45.46.20: Nachtlichter

      1. Eltern haben höhere idealistische Vorstellungen als die Geschwister selbst, ich glaube, sie meinen sonst versagt zu haben. Vielleicht reissen deshalb oft erst die mürben Fäden, wenn die Eltern nicht mehr sind.

        Gefällt 1 Person

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