abcEtüden 43.44.20: Der Spatz auf dem Tellerrand

Die Schreibeinladung von Christiane läuft zur Hochform auf und ich hatte endlich eine schöne Idee (wie ich meine):

Der Spatz auf dem Tellerrand

Leichte Feuchte lag in der Luft. In der Ferne wie Nebel, der jederzeit in dünne Nieselfäden übergehen kann. Ganz federweich fühlt sich dadurch alles an. Die Geräusche gedämpft und weit weg, saß ich in meinem Lieblingslokal. Die Heizpilze wärmten von oben und warfen ihr orangenes Glühlicht auf mein Buch, eine Wolldecke wärmte meine Beine, denn ich hatte mir auf der Terrasse meines Lieblingscafés einen Tisch ganz außen gesucht. Trotz des schon kühlen Oktoberwetters zog ich es vor hier zu sitzen, mit Blick auf den Dom. Es war mir zuwider, mit vielen fremden Menschen in einem Raum zu sein. War es schon vorher so gewesen, mied ich nun Kontakte, wo ich nur konnte. Ich vermisste zwar die Gespräche mit anderen – auch die mit den zufälligen Bekanntschaften  -, aber meine Gesundheit war mir wichtiger.

Plötzlich wurde Gekreisch laut.

Ein Spatz und eine Krähe waren in einer Pfütze auf dem Domplatz in der Nähe gelandet. Der kleine Vogel stocherte und planschte darin herum wie ein regelrechter Schmutzfink. Bespritzte die Krähe, die das Gekreisch verursachte.

Alle schauten hin. Das Paar am Nebentisch unterbrach sein Gespräch. Der ältere Herr mit Hut schaute über den Rand seiner Zeitung. Ich sah von meinem Buch auf. Die Krähe ging zum Angriff über. Der Spatz tanzte am Rand der Wasserlache entlang. Plötzlich sprang die Krähe mitten hinein und schlug mit den Flügeln.

Niemand bemerkte, das derweil eine ganze Bande von Spatzen diverse Kuchenteile von den unbeobachteten Tellern mopsten und davonflogen. Abrupt stellten daraufhin die beiden Schauspieler ihr Theater ein und flogen hinterher, um die Beute zu teilen.

Ich lachte laut und rief: „Das ist ja fabelhaft!“

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

7 Kommentare zu „abcEtüden 43.44.20: Der Spatz auf dem Tellerrand

  1. Das Drama sind nicht die mopsenden Spatzen, sondern das Ausbleiben derselben … die Spatzenpopulation sinkt. Uns in den Städten kommt es vielleicht nicht so vor, aber häufig ist die Biodiversität in den Städten höher als auf dem Land … keine Insekten etc., keine Vögel …
    Wobei ich aus Gartencafés auch klauende Meisen kenne. 😀
    Süße Idee!!
    Herzlich am Abend
    Christiane 😀

    Gefällt 1 Person

  2. Was für eine toll erdachte Szene! Wobei – können könnten sie. Stadtvögel haben schon längst gelernt, die essenden Menschen zu beobachten und ihre Mahlzeiten zu nutzen, das habe ich auch schon öfters beobachtet. Unsere Landspatzen dagegen sind völlig desinteressiert am Essen, die wollen nur baden.

    Gefällt 1 Person

      1. Bei uns geht es ihnen prima. Sie haben genug Futter und alte Gebäude mit nicht abgedichteten Dächern zur Verfügung. In den neubaugebiets-geprägten Gebieten mit ihren durchgestylten, allzu aufgeräumten Gärten und Anlagen sieht es sicher für Spatzen desolat aus, weil sie weder Unterschlupfe und unschädliches Material zum Nestbau finden, noch Sämereien und Insekten.

        Gefällt 3 Personen

  3. Oh, danke dir.
    Ich kann mir das lebhaft vorstellen. Immer wieder erstaunt es mich, wie manchmal Spatzen auf die Tische hüpfen und, obwohl Menschen da sitzen, versuchen, etwas für sich zu bekommen.
    Schön beschrieben. Ich seh mcih dort sitzen – und höre das Gekreisch.
    Herzlich
    Judith

    Gefällt 1 Person

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