Zugfahrt #5

Kurze Zeit später saß Sira wieder im Zug nach Stralsund. Fast schien es ihr wie ein Déjà vu, weil die Fahrt jetzt noch einmal startete. Allerdings war der Zug deutlich stärker gefüllt. Ein paar wenige Gesichter erkannte sie von gestern Abend wieder. Da sie aber Gespräche vermieden hatte, achtete niemand besonders auf sie als sie sich wieder auf den gleichen Platz setzte wie am Tag zuvor. Allerdings hätte sie nicht sagen können, ob es der gleiche Zug war. Das Fenster war auf jeden Fall genauso schäbig zerkratzt.

Sie stellte die Tasche neben sich auf den Platz und holte ihren Laptop heraus. Sie klappte ihn auf. Zunächst schrieb sie eine E-Mail, um ihren Termin zu retten. Vielleicht hatte sie ja Glück und die anderen Bewerber waren nicht gut genug. Ein wenig hoffte sie, dass der Personalchef der Firma von dem Zugunglück gehört hatte. Vielleicht galt das ja ausreichend als Entschuldigung. Heute würde es jedenfalls auch nichts mehr werden. Bis sie in Stralsund sein würde, waren die Büros längst leer, schließlich war Freitag.

Dann öffnete sie ein leeres Dokument.

Sie wusste selbst nicht genau, was sie vorhatte.

Starrte auf den blinkenden Cursor.

Es erinnerte sie an die tickende Uhr.

Wer hatte behauptet, weißes Papier sei ein Symbolbild der Unschuld? Oder hatte sie sich das gerade selbst ausgedacht? Manchmal liest man so viel, dass man am Ende nicht mehr sicher sagen kann, wessen Gedanken die eigenen bestimmen; ob es überhaupt eigene Gedanken gibt…

Wo fang ich an?

Sie hatte plötzlich ein Lied im Kopf. Ertappte sich dabei, dass ihre Gedanken kreisten. Sie wollte einen Faden davon greifen. Ihn festhalten. Fortführen. Zu einem Ende bringen. Aus ihrem Kopf verbannen. Jetzt und für die Zukunft, denn die sollte frei sein von allem Ballst der Vergangenheit, die sie nun hinter sich ließ.

Sie sah wieder auf den Cursor.

Dann tippte sie die ersten Worte:

   Schuld ist eine Frage der Beteiligung und des Gewissens. Mein Gewissen hat sich beladen mit der Schuld an seinem Tod, auch wenn ich ihn nicht wissentlich verursacht habe.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

4 Kommentare zu „Zugfahrt #5

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