abcEtüde 39.40.20: Wildnis

Seit Stunden robbte und schleppte ich mich nun durch den Wald. War extra bis in die Schweiz gefahren, weil hier die Chancen angeblich am größten waren, einen spitzkegligen Kahlkopf – den psychedelischen Pilz aus „Die dunkle Seite des Mondes“ – zu finden. Überall hatte ich gesucht. Es hieß, er wäre auch bei uns zu finden. Ich hatte auch schon unzählige Pilze aller Art entdeckt. Sorten, die ich zuvor noch nie gesehen hatte. Manche essbar und sehr schmackhaft. Viele giftig, einige psychedelisch – aber der spitzkeglige Kahlkopf ließ sich nirgends entdecken. Je länger es dauerte, umso besessener wurde ich. Fast fühlte ich mich wie Urs Blank in dem Buch. Nur konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, für immer im Wald zu leben. Keine Sekunde könnte ich hier ruhig schlafen, bei all den Geräuschen, die – fern ab der Zivilisation wie wir sie kennen – der Wald und seine Bewohner machten. Ich kannte mich nicht aus, welches Tier hinter welchem Krähen, Schreien, Grunzen oder Röhren stand und wollte es auch eigentlich nicht genauer wissen. Zu sehen bekam ich sie selten oder nur in größerer Entfernung. Ich roch wohl zu sehr – oder vielleicht auch ausreichend – nach Mensch als dass sie sich mir näherten. Auch war ich durchaus fit genug, dass sie mich weder für leichte Beute noch für Aas hielten.

Trotzdem war ich ein wenig traurig, dass sich mir kein 12Ender zeigte, den ich – statt des unauffindbaren Pilzes – als fotografierte Trophäe hätte vorzeigen können, wenn ich schon die Wette verlor, dass ich es schaffen würde diesen vermaledeiten Pilz zu finden.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

11 Kommentare zu „abcEtüde 39.40.20: Wildnis

  1. Da muss ich mich aber doch sehr wundern: der spitzkegelige Kahlkopf ist einer der am weitesten verbreiteten Pilze in Europa. Da braucht man nicht in die Schweiz zu fahren. Gehört zur Familie der Champignons, ist aber wenig ergiebig. Bin gespannt, wie Du Dich da raus windest.

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  2. Sehr hübsch 🙂 Mir wurde ja mal in den höchsten Tönen von psychedelischen Pilzen vorgeschwärmt, die ganz klein und unscheinbar nur in Großbritannien auf verwunschenen, grünen Hügeln wachsen und die mensch am besten gleich dort vor Ort konsumiert. Aber das kenne ich nur vom Hörensagen und weiß zu gut, dass der Erzähler dieser Story zu maßlosen Übertreibungen neigt 🙂

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