abc Etüde 37.38.20: Geister der Vergangenheit

Fortsetzung Marlen #3

Marlen hatte keine Idee, was Tom einfiel, hier einfach aufzutauchen. Es schien ihr immer noch absolut gespenstisch: steht einfach vor ihr, während sie auf dem Sessel eingeschlafen war und starrte sie an. Sie würde wohl nun jedenfalls erst einmal nicht mehr schlafen können.

Nicht in dieser Wohnung, zu der sich jemand Zutritt verschaffte, den sie hier nicht wollte.

Stalking.

Nie hätte sie gedacht, dass sie das treffen könnte.

Unglaublich!

Unschlüssig stand sie in der Küche. Dann suchte sie nach ihrem Handy und rief  ihre beste Freundin an…Während das Rufzeichen in ihrem Kopf widerhallte, sann sie über die Bezeichnung „beste Freundin“ nach: war man noch irgendjemandes beste Freundin, wenn man mehr als ein Jahr – oder war es schon noch länger her? – keinen wirklichen Kontakt mehr hatte? Keine Gespräche. Keine Treffen. Keine gemeinsamen Erlebnisse. Nichts mehr wusste aus dem Leben der anderen, weil sich jede in ihr eigenes Schicksal vergraben hatte und keine Zeit blieb für Verbindungen außerhalb des eigenen Alltags…wie traurig das war.

Der Ruf blieb unerwidert. Marlen wartete. Dieses dumpfe „whuuuup…whuuuup“ des Rufzeichens hatte etwas Hypnotisches.

Schließlich legte sie doch auf. Schaute auf die Uhr. Sah auf den Kalender: Freitag. Hatten Baumärkte nicht bis 22 Uhr offen. Sie googelte. Rannte los und ärgerte sich, dass sie Alkohol getrunken hatte. Würde sie wohl rennen müssen. Schon sprintete sie los.

Eine dreiviertel Stunde später stand sie – engelhaft lächelnd – vor dem soeben eingebauten neuen Türschloss und schloss von innen ab. Nun würde niemand mehr einfach so in ihrer Wohnung auftauchen! Und irgendwann würde wohl auch Tom begreifen, dass ihre Beziehung vorbei war.

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Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

8 Kommentare zu „abc Etüde 37.38.20: Geister der Vergangenheit

  1. Eine gruselige Vorstellung. Ich kenne nur die Einbruchssituation in Abwesenheit als Grund für das Hochrüsten der Sperrmöglichkeiten, man weiss ja nicht, was sonst noch kommt. Die Worte hast du gut eingebaut, ich habe zuerst nur „engelhaft“ bemerkt, die anderen musste ich suchen, und das ist bestimmt ein gutes Zeichen.

    Gefällt 2 Personen

  2. Eine bedrückende Geschichte über Macht und Machtmissbrauch. Etwas zu tun, nur weil mans kann, ist solange nett, wie es beide mögen. Wenn eine*r dabei willkürlich und übelwollend die Grenzen des*der anderen überschreitet – was wird dann passieren? Erzeugt Gewalt Gegengewalt? Wird das Ungleichgewicht noch vergrößert?
    Spannender Ansatz.
    Falls du die Geschichte weiterschreibst, was ich hoffe, dann wäre es fein, wenn du die vorhergehenden Folgen darunter vielleicht noch mal verlinken könntest. Ich wollte sie eben auf jeden Fall lesen.
    Danke dir.
    Liebe Grüße zur Nacht
    Christiane 🙂

    Gefällt 2 Personen

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