abcEtüde 37.38.20: Ave Maria

Sie saß am Tisch.

Seit Stunden.

Starrte vor sich hin.

Starrte abwechselnd aus dem Fenster, durch das die aufgehende Sonne inzwischen so blendete, dass man sehr genau sehen konnte, dass es längst überfällig war, sie putzen zu müssen. Irgendwo in ihr zuckte ein Nerv, der dem Drang nachgeben wollte. Doch die Trägheit und die Niedergeschlagenheit siegten. Jedesmal.

So starrte sie weiter. Blicklos. Vergeblich. Auf der Suche nach einer Idee. Das Wort allein führte ihren Blick zurück auf das geöffnete Fenster ihres Computers. Kurz ging auch dieser Gedanke in ihrem Kopf herum:

Fenster: Realität.

Fenster:zur Welt.

Welches war realer? Die Welt oder die Realität? Was war was? Keinen dieser Menschen dort draußen – im Internet – kannte sie perösnlich und doch schienen sie ihr …vertraut, bekannt und nahe. Obwohl sie keinerlei Ambitionen hatte, die Menschen dahinter kennen zu lernen. Sie waren, was sie sein wollten, hier in ihrem PC. Vielleicht nicht einmal real. Aber was hieß das denn? Sie waren doch hier. Schrieben. Machten Fotos. Teilten Gedanken. Führten Gespräche. Diskussionen gar. Manchmal über wirklich wichtige Themen. Das war doch real. Manchmal realistischer als die Menschen vorm Fenster, die zur Arbeit hasteten. Die ganze Woche Müdigkeit aufstapelten, die ihnen das ganze Wochenende nahm, an dem sie von einem Baumarkt zum nächsten rannten, um endlich ihre ganz persönlichen Projekte – zu denen sie sonst nie kamen – zu verwirklichen, die niemanden interessierten, was sie wiederum nicht interessierte. Sie nannten es Selbstverwirklichung und damit hatte es eine Daseinsberechtigung aus sich selbst heraus.

Sie starrte nun nicht mehr. Sie hatte ihr Gesicht in die Hände vergraben – verzweifelnd an solchen Gedanken.

Von irgendwoher drang ein Lied zu ihr. Ganz leise. Das Ave Maria engelhaft gesungen von einem Jungen, der aussah wie ein Gangsta Rapper. Sie war wohl mit der Maus auf ein Video geraten.

(294)

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

13 Kommentare zu „abcEtüde 37.38.20: Ave Maria

  1. Sehr genau beobachtet. Und ja, die große Blogfamilie, die persönliche Blogblase, die so eine unglaublich große Bereicherung für das Leben sein kann, wenn man sie integriert und dabei NIEMALS vergisst, dass die realen Menschen ganz anders sein können … genauso langweilig wie die, die vor ihrem (ungeputzten ;-)) Fenster zum Baumarkt rennen …
    Gefällt mir ausgesprochen gut. Danke dir!
    Liebe Grüße
    Christiane 😀

    Gefällt 3 Personen

    1. Vielen Dank für deine Worte! Ich freue mich, dass mein Text so gut ankommt und auch so viele interessante Fragen [in den weiteren Kommentaren] aufwirft. Sehr spannend! und wieder denke ich: Danke für dieses Projekt!Möge dich die Kraft und Zeit nie verlassen, es weiter [an]zu führen!!!
      PS: Danke für’s Folgen!

      Gefällt 3 Personen

  2. Die einen warnen davor, sich im Netzt nicht zu verlieren und ob unser Gegenpart denn wirklich ein realer Mensch ist wie wir.
    Die anderen sagen: was macht den Unterschied, ob eine Künstliche Intelligenz oder ein Android (oder evtl. auch ein Alien) uns eine logisch einwandfreie Antwort gibt oder ob es ein Mensch ist, der und das gleiche sagt?

    Vielleicht hilft uns die KI und Androiden gar, die Klimakatastrophe zu vermeiden und die Menschheit in ihrer Existenz zu retten?

    Es klingt vielleicht blöd: aber wir öffnen uns gerade hin zu Andersartigen (andere Rasse, andere Hautfarbe). Warum wollen wir uns da gegen andersartige Intelligenz verschliessen?

    Ich denke, dass dieses Thema noch viele Generationen beschäftigen wird.

    Gefällt 2 Personen

    1. auch ein sehr interessanter Aspekt…soweit hab ich gar nicht gedacht: KI …wird sie uns retten oder [wegen erwiesener Ineffizienz] oder beseitigen?
      ich hoffe dennoch, ich kommuniziere hier mit „echten“ Menschen…

      PS: die von dir beschriebene Öffnung in Verbindung mit dem Wort „gerade“ erinnert mich irgendwie an Frau Merkels Aussage über das Internet und das Neuland…

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      1. Merkel und Obama 2013, auch schon 7 Jahre her, und wir haben immer noch kein flächendeckendes Netz in Deutschland, und an die KI werden wir uns auch nur annähern, wenn es zu spät ist und andere uns die lange Nase zeigen.

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    1. Was wäre denn eine ‚irrational motivierte Handlung‘ deiner Meinung nach ? Ich kann mir unter diesen zusammengesetzten Begriffen nichts vorstellen, das für mich Sinn ergibt. Welcher Mensch mit Bekanntheitsgrad wäre denn ein konkretes Beispiel dafür ? Ich hoffe übrigens sehr, daß irrational handelnde Menschen auch für dich das Maß aller Dinge sind, wenn es um die Frage des Realitätssinnes geht und keinesfalls eine Form digitaler Intelligenz – denn andernfalls würdest du dich hier öffentlich als KI-höriger Zombie outen … 😉

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  3. die Frage nach der Realität des anderen und damit nach der eigenen Realität beschäftgit uns wohl alle – und nicht erst seit es Social networks gibt. Denn vorherr waren es die Romane, die Groschenromane auch, diee Zeitschriften mit Berichten über Königskinder und menschliche Dramen. Erfunden? Auf jeden Fall weit weg vom eigenen, von der alltäglichen Fron, und darum auch so beliebt.

    Im Social network gibt es freiich eine gewisse Realitäts-Versicherung durch den Dialog: ich bekomme Antworten. Andere reagieren auf das, was ich schreibe; Ich begegne sehr vielen verschiedenen Ansichten, weit mehr als im realen Leben. Drum kommt es auch im Netz zu echten Freundschaften, echten Verletzungen und Verwerfungen. Es sind so viele Spiegel auf mein fiktives oder reales Ich.

    Gefällt 1 Person

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