Emma und das Meer

Emma war verblüfft über die Weiten des Meeres, sie hätte nie gedacht, dass man sich so darin verlieren könnte.
Max hatte immer wieder davon geschwärmt und sie hatte nur ein Lächeln für ihn gehabt. Seine Euphorie war ansteckend gewesen. Seine funkelnden Augen, wenn er davon sprach, glitzerten blaugrün in der Sonne und sie war sehr verliebt in ihn gewesen.
Doch vorstellen hatte sie es sich nicht können. Sie, die immer nur in ihrem Dorf gelebt hatte. Kaum einmal war sie in die Kreisstadt mitgefahren. Meist fehlte ihr die Zeit. Fünf Kinder zu erziehen und zu versorgen. Das Haus sauber und den Hof in Ordnung zu halten. Die Kühe – auch wenn es nur zwei waren – morgens melken, auf die Weide bringen, mit Wasser versorgen. Und am nächsten Tag ab vier Uhr morgens alles von vorn. Das hatte sie ausreichend auf Trab gehalten. Karl – ihr Mann – kam oft spät. Ihre Gespräche kreisten um organisatorische alltägliche Angelegenheiten. Gemeinsame Unternehmungen gab es so gut wie nie. Es fehlte einfach an Geld für einen Familienurlaub oder wenigstens einen kleineren Ausflug. Das war Karl zu anstrengend. Er wolle sich schließlich erholen, wenn er denn schon frei hätte und nicht mit einer Horde Kinder – nicht zu vergessen, dass es seine waren – durch irgendeinen Park zu tigern..

Über all das war sie 47 Jahre alt geworden und hatte ihr Leben verpasst.

Die Kinder waren in alle Winde verstreut. Hatten das Haus verlassen, sobald es ging. Mit Beginn der Ausbildung stand bei jedem von ihnen fest: sie würden nicht zurückkehren und so war auch ihr Mann eines Tages einfach weggeblieben. Zuerst hatte sie geglaubt, er hätte vielleicht ein Problem mit dem Auto und käme später. Das er nicht anrief, war typisch für ihn. Er ging davon aus, dass sie sich ohnehin nicht sorgen würde. –so war sie dann irgendwann ins Bett gegangen und eingeschlafen. Am Morgen war er nicht da. Es schien auch nicht so als wäre er da gewesen. Emma wunderte sich und ging hinaus in den Stall. Die Kühe wollten endlich hinaus in den Tag. Am Abend dachte sie über eine Vermisstenmeldung nach, kam sich dann jedoch albern vor und ging schlafen.

Drei Tage später  schrieb er ihr eine sms, dass er die Scheidung wolle und sie demnächst einen Brief von einem Anwalt bekäme. Sie sah auf ihr Handy und musste plötzlich lachen. Kein frohes Lachen.

Dann ging sie hinaus, nahm das Beil von der Wand, öffnete den Hühnerstall, griff wahllos das erste, das ihr entgegenkam und köpfte es. Sie ließ es kopflos rennen. Griff nach dem nächsten und nächsten und nächsten. Als die Hühner erledigt waren, sammelte sie sie ein, hub eine Grube aus und beerdigte sie. Als sie sich in der Küche das Blut von den Händen wusch, weinte sie um all die vertane Zeit. Sie weinte nicht sehr lang. Ließ sich auf einen Küchenstuhl fallen und dachte nach.

Der Brief vom Anwalt kam am nächsten Tag. Karl wollte nichts, wenn sie nur einwilligte, das Trennungsjahr schon anzuerkennen und der sofortigen Scheidung zuzustimmen.

Sie verkaufte das Haus an den erstbesten und zog in die Stadt. Hier kannte sie niemand. Den Leuten war sie egal und die Leute ihr. Als sie sich die Stadt angesehen hatte, suchte sie sich eine Beschäftigung. Sie ging in ein Altenheim und las vor. Dort lernte sie Max kennen.

Max war 76 Jahre alt. Seine Frau vor langer Zeit gestorben. Er saß oft allein und apathisch in einem Sessel und sah aus dem Fenster. Sein Blick war müde und leer. Eines Tages sprach Emma ihn an. Zunächst schien er sie nicht zu bemerken. Ganz langsam wandte er den Kopf zu ihr. Sie setzte sich zu ihm. Sie kamen ins Gespräch. Es dauerte Wochen bis er sich an sie gewöhnte und mehr als drei Sätze sprach. Oft saß sie einfach nur bei ihm, während er so tat als wäre es ihm egal. Emma wollte schon aufgeben als er eines Tages unvermittelt anfing über sein Leben zu erzählen. Schillernd war es gewesen. Seine Augen wurden ganz lebendig. Er redete Stunden. Bis sie am Abend das Personal trennte. Tagelang ging das so und Emma sah nicht mehr den alten Max, der kraftlos in seinem Sessel hockte, sondern lernte den jungen Max kennen, der seine Frau auf den Händen getragen hatte. Seine Augen waren voller Leben und Emma verliebte sich in den Menschen hinter dem gealterten Gesicht. Immer wieder sprach er von den vielen Reisen, die er mit seiner Frau gemacht hatte und immer wieder waren sie am Meer gewesen. Das Meer, das Emma noch nie gesehen hatte.

„Das Meer“ sagte Max mit seiner krächzenden Stimme: „das Meer ist eine Ahnung von der Endlosigkeit der Welt! Du musst es dir unbedingt ansehen, es sehen, riechen, spüren! Es gibt dir die Ruhe und die Kraft, die du brauchst, um all dieses Leben zu schaffen.“

Am nächsten Morgen saß Max nicht in seinem Sessel als sie kam. Das Pflegepersonal sprach sehr sanft mit ihr. Er war eingeschlafen und nicht wieder aufgewacht.

Und nun saß sie hier und schaute aufs Meer und wollte nie wieder weg.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

5 Kommentare zu „Emma und das Meer

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