Etüdensommerpausenintermezzo III-2020

Etüdensommerpausenintermezzo III-2020

Zum Etüdensommerpausenintermezzo III-2020 hat sich Christiane eine besondere Aufgabe ausgedacht [ich bin ehrlich:ich hab es jetzt 4x gelesen und hoffe es richtig verstanden zu haben]. Das von mir ausgesuchte Oberthema „V wie Vergangenheit“ wird sich also jetzt mit einem ‚persönlichem Stichwort-ABC mit 26 innerhalb des Themas frei gewählten Wörtern zusammenzustellen’ (a la Puzzleblume) befassen:

V wie Vergangenheit

Vorwort: Ich bin geboren in der DDR, die 1989 zusammenbrach, nachdem ich meine ganze Kindheit und Jugend darin zugebracht hatte und die Didaktik des Sozialismus/Kommunismus versucht habe zu verstehen…umsonst. Im folgenden möchte ich mich mit typischen DDR-Begriffen befassen und schauen, was passiert:

Der Abschnittsbevollmächtigte – kurz: ABV genannt -spielte zweimal in meinem Leben eine größere Rolle: er wurde gerufen als ich schreiend in der Küchenecke stand und meinen sehr wütenden Vater beobachtete wie er meinen nächstälteren Bruder um den Küchentisch herum mit hochroten Kopf und fingerdick angeschwollenen Halsadern verfolgte, um ihn zu bestrafen für eine Aktion wie sie regelmäßig nur mein Bruder – nennen wir ihn Ingolf – fertigbrachte: er war in den laufenden Traktor meines Vaters geklettert und damit davon gefahren. Mein Vater, der essend am Küchentisch gesessen hatte, stürmte – den Löffel in die Suppe werfend – auf Strümpfen nach draußen und rannte dem Trekker, in dem man nur eine rote Bommel Ingolfs Mütze wippen sah, hinterher und konnte ihn leider erst stoppen als er schon in einen Zaun gefahren war. Ich sah die beiden rennen und war so schockiert, dass ich nicht aufhören konnte zu schreien. Das halbe Dorf lief zusammen, aber niemand wagte, unsere Wohnung zu betreten und so dachten alle, er würde mir etwas tun. Man rief also den ABV, der beherzt die Tür aufriss und mich aus der Situation holte und danach mehrere ernste Worte mit meinem immer noch sehr wütendem Vater sprach, die ihn noch wütender machten, denn er verstand nicht, warum meine Sensibilität ein Grund sein konnte, Ingolf nicht angemessen zu bestrafen.

Er hat danach nie wieder eine solche Prügelstrafe versucht.

Das nächst Mal war der ABV für mich gut 10 Jahre später ein Problem als ich Moped fahren lernte und immer wieder irgendjemand aus dem Dorf, den ABV alarmierte, um dies zu unterbinden. Dieser kam dann mit seiner gelben Schwalbe aus dem nächsten Dorf gefahren, wobei er über einen Hügel musste, auf dem wir – der gleiche Bruder und ich – ihn stets rechtzeitig kommen sahen, schleunigst das Moped abstellten und mit dem eigens dafür mitgebrachten Eimer Wasser und Schwamm so taten als würden wir das Moped nur putzen.

Meist fuhr er dann vorbei als wäre er auf dem Weg irgendwohin und gar nicht unseretwegen losgefahren. Wir wussten natürlich, dass es nicht nur für uns Folgen gehabt hätte, sondern auch der Vater in seiner Brigade hätte Rede und Antwort stehen müssen, warum er seine Kinder nicht im Griff hat. Das hätte auch für uns eine regelrechte Rückkopplung gegeben: Keine Club Cola mehr für den Rest der Ferien. Dabei war es uns immer ein Fest, wenn wir in den Ferien – und nur dann – Cola haben durften – natürlich nicht die teure aus dem Delikatladen, die kannte ich nur von Mitschülerinnen aus dem Dorf, die Westverwandtschaft hatten und sie direkt mitgebracht bekamen: Pepsi in diesen coolen Flaschen mit dem einwandfrei tollem blauroten Etikett. Aber das war sehr selten, denn aus Angst vor Entdeckung, zeigte man nicht jedem, was man so hatte. Schließlich waren wir ja alle in der FDJ [Frei Deutsche Jugend – Jugendorganisation der DDR] und lernten frühzeitig ein gesundes Misstrauen anderen gegenüber – schließlich war der ein oder andere in der GOL [Leitung der FDJ bestehend aus Schülern, deren Eltern in der Partei waren und Lehrern, die Parteigenossen waren]. Manche von denen – Schülerinnen, die in der GOL waren – waren schon mit ihren 14/15 Jahren echte Hundertfünfzigprozentige, die aus der Schule heraus sehr wahrscheinlich direkt in die Partei eintreten würden, so wie ihre Eltern, die jeden Urlaub entweder in der eigenen Datsche oder dem Interhotels der Republik zwischen all den Yuppies, die wir nur aus dem Fernsehen kannten, verbrachten, wovon wir nur träumen konnten, wo doch fast jede Jahresendprämie von unserem regelmäßig zu Weihnachten kaputt gehenden Raduga Farbfernseher aufgefressen wurde und damit Urlaube unbezahlbar machte. Selbst im Konsum mussten wir oft jeden Pfennig überlegen, den wir ausgaben, kinderreich (vier Kinder) wie wir waren.

Außerdem war der Leiter des VEB [Volkseigener Betrieb] in dem mein Vater arbeitete, nicht besonders gut auf ihn zu sprechen: der hätte die Gelegenheit sicher genutzt, ihm mächtig gewaltige Schwierigkeiten zu bereiten, wenn wir beim Schwarzfahren ertappt worden wären. Bis hin zur Rückstufung zum Traktoristen, der er seit cirka 8 Jahren nicht mehr war – was  erhebliche finanzielle Einbußen bedeutet hätte. Dann wäre meine Mutter wahrscheinlich wieder in Ohnmacht gefallen und wir hätten die SMH [Schnelle Medizinische Hilfe – Rettungsdienst der DDR] rufen müssen – es war jedes Mal urst schwer, einen der beiden Telefoninhaber des Dorfes zu überreden, das Telefon benutzen zu dürfen. Die nächste Telefonzelle befand sich am Rande des Neubaugebietes der nächstgelegenen Stadt gleich neben der OGS [Obst, Gemüse, Speisekartoffeln, liebevoll: Obst und Gammel genannt] – sechs Kilometer entfernt. Von schneller Hilfe konnte man da kaum reden, wenn man mit dem Fahrrad bis dort hin strampeln musste. Da war es schon ein Glück, dass Ingolf inzwischen Moped fahren durfte und ich auch bald. Doch vorerst war die Gefahr dann wieder mal gebannt gewesen und wir spielten mit gefundener Quietschpappe auf den Fensterscheiben des Anbaus herum bis der ABV wieder zurück in sein Dorf fuhr. Den feuchten Schwamm steckten wir in eine Zellophantüte, um ihn vor Staub und Schmutz zu schützen, denn meine Mutter konnte eine ganz schöne Xanthippe sein, wenn sie sich über uns ärgerte.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

11 Kommentare zu „Etüdensommerpausenintermezzo III-2020

  1. Danke für diesen profunden Einblick in eine Welt, die man sich erst richtig vorstellen kann, wenn sie ein Insider beschreibt. Gewisse Parallelen erkenne ich bei den finanziellen Themen die du schilderst, sie waren jedoch zum Glück nicht so sehr einschneidend wie in der DDR. Und das Denunziantentum war im Westen ungefährlich, das war zum großen Teil bloß Tratsch ohne bedeutsame Folgen…

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    1. Sehr gern!
      Ich mag es, wenn im Moment des Schreibens Erinnerungen „hochkommen“ und es einfach so aus mir herauskommt – und so war es gestern. Vieles verblasst und geht im heutigen Alltag unter, aber es war mir eine Freude, diesen kleinen Einblick geben zu können.
      PS: jetzt schwirrt das Thema immer noch in meinem Kopf rum und ich überlege, was ich damit noch anfangen könnte.

      Einen schönen Montagabend wünsche ich dir!

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    1. Natürlich lief die Olsenbande im deutschen demokratischen Staatsfernsehen. Schließlich war es eines der obersten Ziele der SED, seinen revolutionären Kräften die Dekadenz westlichen Lebensstiles vor Augen zu führen. Die IMs hatten in diesem Zusammenhang die Aufgabe herauszufinden, wer abweichlerische Tendenzen zeigte, sodaß man größeres Augenmerk auf den einen oder anderen Konterrevolutionär legen konnte. Die DDR mußte für die Rechte zwar eine Unsumme an Devisen abliefern die sie nicht hatte, aber die zahlte sie in Spionen, wie wir heute wissen – und wenn sie nicht genug davon hatte, erfand sie welche, wie wir heute ebenfalls wissen.
      Bevor mir diese Erkenntnisse zuteil wurden und ich den Zusammenhang verstand, hatte ich eine ziemlich naive, beinahe religiöse Sichtweise, wie Politik in der Praxis funktioniert … 😉

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      1. Danke für diese perfekte Antwwort!
        Die Formulierung „naive, beinahe religiöse Sichtweise, wie Politik…funktioniert“ mag ich sehr.
        Ich selbst habe erst im Rahmen meiner Lehre begriffen (zwei Jahre nach den erzählten Begebenheiten) wie verlogen das System DDR bzw. Sozialismus war und so richtig klar und deutlich wurde es dann mit dem Zusammenbruch des Ganzen.

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    2. Hallo!
      Olpo Olponator hat hierauf die perfekteste Antwort gegeben, die es geben kann. Ich hätte dir nur sagen: „Olsenbande“ war Kult und MUSSTE geguckt werden, schon weil es erlaubt war. Den ideologischen Ansatz haben wir nicht gesehen und der war uns auch egal.

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      1. Ich habe es mir dann auch gegoogelt, und das war gut so, denn ich wusste nicht dass es zwei verschiedene deutsche Synchronisationen gab. Vielleicht war es sowieso dumm gefragt, weil ich als Zonenrandkind es ebensogut im DDR-Fernsehen gesehen haben kann, das weiss ich oft nicht mehr. Nur beim Sandmännchen und Willi Schwabes Rumpelkammer bin ich mir sicher, aber wie du schon schreibst: als Kind ist einem der ideologische Ansatz schnuppe.

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  2. „Westverwandtschaft“: ich. Schön, ich glaube, wir brachten Coca-Cola mit. Und Jacobs-Kaffee. Und Nylons. Und wir fuhren in den Intershop. Und ich hatte immer den Eindruck, dass man uns nicht glaubte, dass auch meine Eltern sich die Pakete und alle diese Mitbringsel vom Munde absparten, Stichwort „reicher Westen“ und so. Wir waren verwandt und kannten die Wirklichkeiten des anderen doch nur sehr wenig, bei aller Liebe … 😉
    Danke dir sehr für deinen überaus lebendigen Einblick in deine Vergangenheit. Ein paar Begriffe kannte ich nicht, aber das macht ja nichts, das kann man ja nachschlagen … Gefällt mir sehr.
    Liebe Grüße
    Christiane 😀

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    1. Danke für deine Worte!
      Ja, Westverwandtschaft MUSSTE reich sein, nach unserem Glauben. Viele DDR-Bürger waren fest überzeugt, der Westen ist Schlaraffenland, weil es da alles gibt. Ich habe viele Diskussionen geführt, dass ein LKW-Fahrer mit vier Kindern und einer nichtarbeitsfähigen Frau im Westen noch viel größere Probleme gehabt hätte, seine Familie zu ernähren, aber das wollte niemand hören.
      Es war mir eine Freude, diesen Text schreiben zu dürfen!

      Gefällt 1 Person

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