Zugfahrt #2

5

Plötzlich bremste der Zug stark ab. Wurde zunehmend langsamer. Blieb gänzlich stehen. Sira sah sich um: freie Strecke, flaches Land, keine Anhaltspunkte. Sie war so sehr in ihre Gedanken versunken gewesen, dass sie keinerlei Orientierung hatte, wo sie sich befinden könnten. Auf der anderen Seite verbargen Baumreihen den Blick ins Land.

Sira suchte nach ihrem Handy. Wie spät es wohl war? Wo war denn jetzt das Handy? Sie kramte in ihrer Tasche, fand es endlich, sah dass es 13 Uhr 48 war und überlegte, wie viele Bahnhöfe sie wohl schon hinter sich gelassen hatten und staunte noch einmal über sich selbst, was sie alles nicht mitbekommen hatte. Eigentlich gar nichts von der Fahrt. Kaum hatte sie wahrgenommen, dass inzwischen doch einige Menschen mit im Abteil saßen.

Viele sahen  – so wie sie selbst – auf und um sich. Manche sprachen halblaut miteinander.

Der ältere Mann, mit dem sie einen Kaffee mitgebracht hatte, saß nicht mehr an seinem Platz. Auch das war ihr entgangen. Sie bedauerte es ein wenig. Irgendwie hatte sie gedacht, er würde sie die ganze Reise begleiten. Es sich gewünscht. Dabei war er ihr völlig fremd. Sie schüttelte den Kopf über sich selbst.

Kurz vor elf also. Dann mussten sie eigentlich kurz vor Köln sein.

Dann war das hier wohl das einzige freie Feld, das es noch geben konnte zwischen Bonn und Köln.

Ein Brummen und Ruckeln ging durch den Zug. Dann erstarb das gigantische Stahlross zu völliger Stille. Für einen kurzen Augenblick verstummten alle Geräusche und Gespräche. Setzten dann aber auch wieder ein.

Einige Fahrgäste drückten die Fenster auf und steckten die Köpfe heraus, um zu sehen, was da draußen los sein könnte. Manche verließen ihren Platz, gingen auf den Gang und versuchten die Türen zu öffnen. Verriegelt.

Sira blieb auf ihrem Platz. Schaute dem Treiben eine Weile zu. Das Handy noch in der Hand, kam sie auf die Idee, einen Radiosender zu suchen. Just knarrte es im Bordlautsprecher:

„Werte Gäste! Aufgrund eines technischen Problems müssen wir die Fahrt voraussichtlich für circa 20 Minuten unterbrechen. Wir informieren Sie, sobald es Weitergeht. Danke für Ihr Verständnis!“

Technisches Problem. Aha, dachte Sira und fummelte weiter an ihrem Handy.

Ein Zugbegleiter in Uniform betrat das Abteil. Sofort prasselten Fragen auf ihn ein. Er hob abwehrend die Hände und sagte nur:

„Sie haben die Ansage gehört. Es gibt ein technisches Problem. Mehr kann ich Ihnen auch nicht sagen!“ er wirkte genervt. Wollte seinen Weg fortsetzen. Jemand rief laut:

„Können Sie nicht oder dürfen Sie nicht?“

Der Mann schob sich weiter voran und  sagte:

„Ich darf es nicht!“ und verschwand im nächsten Abteil.

Mit einem Mal kam aus der gleichen Richtung ein junger Mann durchgelaufen, und während Sira im Radio hörte wie eine sonore Stimme sagte:“…ist ein IC der Deutschen Bahn auf offener Strecke mit einem Fahrzeug zusammengestoßen und musste stoppen.“, rief er: „Wir haben was getroffen!“ und lief aus dem Abteil in Richtung Zugspitze. Einige sprangen von ihren Plätzen und liefen hinterher. Zugleich hörte Sira einen Hubschrauber irgendwo in den Wolken. Sondersignale ertönten von weit her. Alles fühlte sich hektisch an und bedrohlich. Plötzlich schienen alle ganz aufgebracht.

Sira stockte der Atem. Ihr Herz begann zu rasen. Hektische Menschenansammlungen lösten bei ihr Panikattacken aus. Sie musste sich sehr zwingen, ruhig zu atmen.

Der Bordlautsprecher knackte:

„Werte Fahrgäste! Bitte bleiben Sie an Ihren Plätzen!“ tönte eine Stimme im Befehlston. „Bleiben Sie an Ihren Plätzen!“

Offensichtlich hatte man aber trotzdem die Türen entriegelt, denn nun liefen draußen Menschen am Zug entlang. Einige hatten Rucksäcke aufgesetzt. Noch mehr Menschen verließen das Abteil. Es war wie ein ansteckendes Virus: Fluchttendenzen.

Sira lehnte sich zurück und war froh, dass Ruhe einkehrte.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

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