Geschichte eines Unfalls

Geschichte eines Unfalls

Freitag, 13. März 1998 4:30 Uhr

Rot leuchten die digitalen Ziffern des Weckers in das dunkle Zimmer. Tobias hat gerade das Kopfkissen über die Ohren gezogen und unwillig die Schlummertaste gedrückt. Die Augen wollen einfach nicht aufgehen. Außerdem ist es viel zu kalt zum Aufstehen. Er brummt mürrisch in sein Kissen als der Wecker wieder losschrillt, wühlt sich mit geschlossenen Augen aus der Decke und tapst schläfrig ins Bad.

Einige Zeit später hüpft er mit einem Bein in der roten Arbeitshose, das andere unterwegs einfädelnd, zurück in sein Zimmer, sucht Socken und läuft dann die Treppe hinunter in die Küche. Dort gurgelt schon der Kaffee durch die Maschine, die die Mutter gestern programmiert hat, damit er einen Kaffee trinken kann. Auf dem Tisch steht eine Schlüssel mit Müsli, in das er nur noch die Milch geben muss. Seine Mutter hatte immer Angst, er würde nicht richtig essen – wo er doch so schwer arbeitete.

Er isst im Stehen und schlürft den heißen Kaffee. Als er das Müsli halb gegessen hat, stellt er es zur Seite und geht mit der Kaffeetasse in der Hand vor die Tür, um zu rauchen. Er greift sich seine ebenso rote Jacke und zieht sie über das eng anliegende schwarze T-Shirt, das seine kräftigen Arme stramm umspannt und seine Muskeln prall aussehen lässt.

4:58

Tobias steigt in seinen Audi. Er ließ den Motor an. 225 PS. Das satte Geräusch ließ ihn Lächeln. Spätestens jetzt galt sein liebevolles Schmunzeln auch seiner Mutter, die alles für tat, nur für ihn überhaupt zu leben schien. Ohne sie könnte er sich dieses Auto niemals leisten mit seinen gerade Mal 20 Jahren. Er wusste, dass ihm viele diesen Luxus nicht gönnten. Selbst sein Polier auf der Baustelle hatte sich schon einmal dazu geäußert und ihn als „Schnösel“ tituliert. Er ließ ihn auch immer wieder spüren, dass er ihn nicht auf „seiner Baustelle“ haben wollte. Tobias war es egal. Er trat das Gaspedal noch mal durch und erfreute sich einfach an dem Sound des Motors und fuhr dann mit auf dem Schotter der Einfahrt durchdrehenden Räder davon.

5:43

Kaum dass Tobias auf der Baustelle angekommen ist und den Wagen geparkt hat, sieht er sich der schroffen Kommandostimme seines Poliers ausgesetzt, der über die ganze Baustelle brüllt. Tobias ist froh, dass Freitag ist. Heute würden sie nur bis zwei ungefähr arbeiten und dann war endlich Wochenende. Als Harry, der Polier, ihn entdeckt, schreit er ihm zu:“Tobi! Die Steine müssen alle rauf in den 3. Stock. Also schnapp die ne Karre und mach!“

Tobias schnauft – es ist noch nicht einmal 6 Uhr. Aber er nimmt sich eine Schubkarre und packt sie voll.

14:20

Nach unendlich vielen Schubkarren voller Steine, die er über diverse Bretter und Stege bis in den dritten Stock bugsiert hat, ist Tobias schweißüberströmt und völlig kaputt als der Polier endlich den Feierabend verkündet. Er lässt die Schubkarre fallen. Zum Glück ist er auch gerade wieder unten angekommen. Alles schmerzt: der Rücken. Die Hände. Jeder einzelne Muskel.

Er fummelt seine zerdrückten Zigaretten aus der Hosentasche überm Knie und steckt sich eine Kippe in den Mund. Rauchend schlürft er zu seinem Auto. Aus dem K.offerraum holt er ein altes Badetuch und breitet es sorgfältig auf dem Fahrersitz aus. Hinter sich hört er ein paar Kollegen im Vorübergehen lachen. Tobias weiß nicht, ob sie über ihn lachen. Aber als er hochschaut, sieht er ein blödes Mädel an der Baustelle vorbeigehen. Sie sieht zu ihm rüber. Er lächelt. Sie wird rot und schaut weg. Er weiß, dass die Mädels ihn selten übersehen mit seinen fast zwei Metern, den stoppelkurzen schwarzen Haaren und der sportlich-durchtrainierten Figur.

Er wirft die Kippe auf den Boden. Tritt mit der Schuhsohle darauf und steigt in den Audi.

15:47

Als er auf den Hof fährt, steht das Auto seiner Mutter schon unter dem Carport.

Er geht hinein und in die Küche. „Hi Mam!“ sagt er. Sie steht mit einer Tasse in der Hand und lächelt, während er auf sie zukommt und ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange gibt. „Hast du Kaffee?“

„Hallo Tobi!“ antwortet sie: „Wie war dein Tag? Du riechst als wäre er schwer und anstrengend gewesen!“

Tobias greift über sie und öffnet den Hochschrank, während seine Mutter – genau unter seiner Achsel stehend – spielerisch neckend die Nase rümpft. „Sorry!“ sagt er: „Ich durfte den ganzen Tag Steine karren. Ich geh gleich duschen!“ Er angelt sich eine Tasse und sie trinken zusammen Kaffee bis Tobias sagt: „Ich geh mal duschen und hau mich noch mal hin. Weckst du mich um halb sechs!?“

„Willst du noch los heute Abend?“ fragt sie.

„Ja. Marco und Karl wollen einen ausgeben ..in dem neuen Klub. Marco hatte doch Geburtstag…was Karl feiert, weiß ich nicht mehr…“ antwortet er. Schon auf dem Weg nach oben.

18:33

Frisch geduscht, in schwarzer Jeans und weißem Hemd steigt Tobias in sein Auto. Seine Mutter kommt aus der Haustür und ruft: „Willst du gar keine Jacke mitnehmen?“

Tobias lässt das Fenster herunter und wartet bis seine Mutter bei ihm ist. „Eigentlich nicht. Ich fahr jetzt zu Julia, hol sie ab und fahr mit ihr zu Karl. Wir wollen noch ein bisschen vorglühn und gegen 12 fahren wir dann alle zusammen in den Klub. Dafür brauch ich keine Jacke. Ich vergess die sonst wieder irgendwo.“

Viktoria lächelt: „Da hast du auch wieder recht!“ sie küsst ihn auf die Wange: „Pass auf dich auf! Und bitte keinen Alkohol und Fahren!“ Tobias verzieht die Mundwinkel verächtlich: „Mama!“ sagt er empört: „Du weißt, dass ich nie trinke, wenn ich fahre! Außerdem will ich noch Nils, Karin und Julia nach Hause fahren. Ich habs ihnen versprochen.“

„Und wann bist du zurück?“

„Hm…gegen vier vielleicht…“

„okay!“ sagt Viktoria und streicht ihm über den Kopf: „Dann viel Spaß Großer!“

Hupend fährt Tobias die Einfahrt hinunter. Winkt noch mal aus dem Fenster zurück und sieht seine Mutter im Rückspiegel kleiner werden.

Eigentlich hätte er gerne noch ein bisschen länger geschlafen. Mit seiner Mutter müsste er auch mal wieder etwas gemeinsam unternehmen. ‚Morgen’ denkt er ‚hol ich Brötchen zum Frühstück und dann schauen wir mal, was wir machen.’ Dann gibt er Gas und schießt mit völlig überhöhter Geschwindigkeit über die Landstraße.

Zehn Minuten später fährt er hupend bei Julia, seiner momentanen Freundin vor, die sofort aus der Haustür kommt und zu ihm auf den Beifahrersitz springt. Mit quietschenden Reifen rast der Audi weiter.

02:37

Die Nacht ist kalt und klar. Das Schweinwerferlicht sticht in die Dunkelheit. Schneidet Löcher in den dünnen wabernden Bodennebel. Niemand weiter ist auf diesen abgelegenen Landstraßen zwischen den kleinen Dörfern unterwegs. Tobias fährt schnell, aber kontrolliert und lacht über den letzten Witz, den Nils eben beim Aussteigen gemacht hat. Ihm dröhnen noch die Ohren von den Bässen des Klubs. Er sieht ihm Rückspiegel Karins Kopf an Julias Schulter. Sie schläft. Julia lächelt ihm zu. Auch sie sieht müde, abgekämpft und durchgeschwitzt vom Tanzen aus.

„Müde?“ fragt er leise. Sie nickt nur und gähnt. „Wir sind gleich da!“ Julia nickt wieder.

Auch er fühlt langsam den langen Tag und ist froh, dass er nun auch bald zu Hause sein wird.

Tobias gähnt und lässt das Fenster herunter. Die kalte Luft schlägt ihm ins Gesicht. Dann rollt er vor Julias Haus – dem ihrer Eltern natürlich – aus und stellt den Motor aus, um niemanden zu wecken. Julia rüttelt an Karins Schulter, die halb schlafend die Tür öffnet, ihre Jacke greift und auf die Tür zutorkelt.

Julia kommt noch einmal an Tobias fenster und küsst ihn: „Sorry, dass du heute nicht hier schlafen kannst!“ sagt sie: „Aber die Prüfung morgen ist meine letzte Chance!“

„Alles gut!“ antwortet er und küsst sie auch noch einmal: „Ich bin ja gleich zu Hause.“

„Fahr vorsichtig! Und ras’ nicht so!“

Er lacht und lässt den Motor an. „Bis morgen!“

Dann fährt er bewusst langsam an. Schaltet kurz das Warnblinklicht ein zum Gruß und fährt davon.

02:58

Als er den Ort verlassen hat, gähnt er wieder. Macht das Fenster ganz herunter und denkt: ‚Jetzt bloß nicht einpennen!’ gibt Gas und fliegt dem eigenen Bett entgegen. Das Radio dudelt regelrechte Einschlafmusik. Er legt den Ellenbogen auf den Türrahmen. Lenkt mit der linken Hand und starrt in den Lichtstrahl vor sich. Noch zehn Kilometer…er ist sooo müde. Die Lider sind betonschwer…

03:02

Immer wieder gähnt Tobias. Es sind nur noch drei oder vier Kilometer. Die langgezogene Linkskurve taucht im Sperlicht seines Wagens auf. Doch er sieht es nicht mehr. Sein Kopf hängt leicht herunter. Die linke Hand am Steuer ist fast schlaff. Die Lider sind ihm zugefallen.

Das Radio dudelt „If you believe“ von Sascha.

03:03

Zuerst verlässt das rechte Vorderrad die befestigte Straße. Der Wagen schlingert. Das Rütteln reißt Tobias aus dem Schlaf. Er greift mit beiden Händen zum Lendkrad, stellt sich mit aller Macht auf die Bremse, die auf dem feuchten Grasrand keinen Grip mehr findet. Der Wagen schleudert weiter. Lässt sich nicht aufhalten. Tobias zerrt und kämpft mit dem Lenkrad. Es scheint aber keinerlei Wirkung zu haben. Mund und Augen sind weit aufgerissen. Eine kleine Vertiefung im feuchten Waldboden reißt den Audi hoch. Das Heck stellt sich auf. Aus irgendwelchen Gründen dreht sich der Wagen aufrechtstehend und kracht mit dem Heck zuerst an den nächsten Baum. Schleudert nach links herum und knallt mit dem linken Kotflügel gegen einen zweiten Baum.

03:04

Der Qualm des Autowracks vermischt sich mit dem wabernden Bodennebel.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

4 Kommentare zu „Geschichte eines Unfalls

    1. Die Geschichte ist angelehnt an eine wahre Begebenheit. Der Junge hat überlebt. Trägt seitdem eine Narbe über den ganzen kahlen Kopf. Er hat daraus gelernt. Ist ein toller Typ…war sein 6. schwerer Unfall. Dieser hat ihm die Augen geöffnet.

      Gefällt 1 Person

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