Marlen #2

Durch das geöffnete Fenster wehte eine frische Brise und Marlen saß einfach da, starrte in das langsam in der Dämmerung zu Schemen versinkende Zimmer und trank den Wein mit Genuss. Irgendwie fühlte sie sich – trotz aller Enttäuschung – befreit, ja erleichtert fast. Ihr gefiel ihr allein sein. Sie fühlte sich wohl mit sich. So versank auch sie bald in den Schemen der Dämmerung und schlief ein.

Plötzlich war Tom da. Stand vor ihr und sah auf sie – halb eingerollt in ihrem Sessel – herab. Sie blinzelte angestrengt. Dann versuchte sie sich aufzurappeln. Die Gelenke schmerzten ein wenig. Doch sie wollte ihm nicht zeigen, dass es schmerzte, so schnell in eine vernünftige Haltung zu kommen.

„Tom?“ murmelte sie verschlafen:“ Was machst du hier? Wie bist du hier hereingekommen?“

Er antwortet nicht. Sieht sie nur an. Immer noch benommen vom Schlaf und vom Wein richtet sich Marlen auf und versucht aufzustehen. Tom steht einfach da und sieht ihr zu. Marlen schießen tausend Gedanken durch den Kopf: hatte sie Tom irgendwann einen Schlüssel gegeben? Sie konnte sich nicht daran erinnern. Wie war er dann also in die Wohnung gekommen? Hatte sie die Tür nicht richtig verschlossen? Wut steigt in ihr auf. Unbeherrscht sagt sie:“ Wie bist du hier rein gekommen, Tom? Und was willst du hier?“

Er sagt nichts. Starrt sie nur an.

Für einige Sekunden lässt sich Marlen auf einen stummen Blickkontakt ein.

Dann bückt sie sich abrupt – Tom zuckt leicht zurück – und hebt das heruntergefallene Glas auf. Sucht auf der anderen Seite des Sessels nach der fast leeren Flasche und nimmt sie hoch. Auf dem Weg in die Küche sagt sie: “Ich möchte, dass du gehst!“ Ein paar Minuten gelingt es ihr, ihn einfach zu ignorieren. Sie stellt Glas und Flasche in der Küche ab und beginnt die Kaffeemaschine zu reinigen und macht sich einen Kaffee. Als sie wieder zu ihm schaut, steht er immer noch vor dem Sessel – ganz als säße sie noch vor ihm – und starrt vor sich hin. Für einen Moment überlegt sie, ob sie einfach gehen soll, doch dann denkt sie kategorisch: ‚NEIN! Das ist schließlich meine Wohnung!’ deshalb sagt sie energisch:“Tom! Wenn du jetzt nicht gehst, ruf ich die Polizei. Geh bitte!“ Einige Momente lang passiert nichts. Dann dreht sich Tom um und geht schnell und ohne zu zögern auf die Tür zu.

Ganz leise, fast lautlos zieht er sie ins Schloss und dann ist er wieder weg.

Gespenstisch.

Würde die Kaffeemaschine nicht so laut röcheln, hätte Marlen geglaubt zu träumen. Sie nahm sich eine Tasse, goss Kaffee ein, trank und verbrühte sich prompt die Lippen. Sie würde wohl ein neues Schloss brauchen.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

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