Nichts vermissen

Nichts Vermissen

Auf dem Weg ans Meer singt Max Giesinger vom „Zuhause vermisst“ und versetzt mich mit diesen wenigen Worten zurück in die Zeit als ich auszog aus der Wohnung meiner Eltern, die nicht mein zuhause war, denn wir waren erst ein Jahr zuvor dorthin gezogen, nachdem ich meine Kindheit und Jugend in einem nach kuhstallstinkendem Dorf hatte verbringen müssen, in dem dreimal am Tag ein Bus die einzige Fluchtmöglichkeit bot. Zumindest bis ich den ersten Führerschein machen konnte.

Ich seh mich in meiner ersten Wohnung sitzen. Nachts um halb eins. Ohne Licht. Nur der Mond fiel fahl durch das einzige winzige zugige Fenster. Nur zwei Möbel hatte ich aus meinem alten Zimmer mitgebracht. Alles andere geschenkt. Der Sessel, in dem ich saß. Der Tisch auf dem mein Arm lag. Der schwarz gestrichene Schrank, der umfiel, wenn jemand unbedacht beide Türen gleichzeitig öffnete. Selbst die Wohnung gehörte nicht mir. Nur der Stolz, den ich empfand gehörte ganz mir. Und die Stille.

Die Stille, die mich gänzlich umgab in dieser Nacht und mir deutlich machte wie anders mein Leben jetzt sein würde. Keine Geräusche aus irgendeinem anderen Zimmer. Keine Schritte an der Zimmertür vorbei. Keine Forderung nach Licht, wenn ich keines will.

Und doch tauchte zwischen all dieser Stille kurz ein Hauch Einsamkeit auf.

Aufgewachsen mit drei Brüdern kam ich mir plötzlich sehr allein vor, ohne all die gewohnten Geräusche.

Doch ich hab dieses Zuhause nicht vermisst.

Nicht in dieser Nacht und auch sonst nie.

Nur verwirrt hat es mich, wenn ich mich zu einer Freundin sagen hörte: „ich fahr am Wochenende nach Hause!“ Jetzt, da ich ein eigenes …nein. Ich nannte es nicht Zuhause. Ich hatte eine eigene Wohnung. Kein Zuhause.

Mit der ersten Beziehung kam eine neue Verwirrungen dazu: ich fahr nach Hause! meinte dann doch meine eigene Wohnung, obwohl ich es nicht als ein Zuhause empfand.

   Mein Kopf will immer nur weiter
   Mein Herz sagt, dass ich
   Zuhause vermiss‘
  Wo auch immer das ist

singt Max. Es ist ein seichter Song. Gefällig, nicht provozierend. Fast geht mir das Geträller ein wenig auf die Nerven. Umso mehr erstaunt es mich, dass es mich so zurückversetzen konnte. Ich versuche trotzdem den Text zu erfassen. Versuche zu erspüren, was er eigentlich sagen will. Doch es ist mir zu lau. Das ganze Lied. Vielleicht auch weil mein Auszug kein

Weggelaufen, sondern ein Ankommen war.

Ankommen bei mir selbst.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

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