Nachtgedanken

Dunkelheit umfängt mich. Mit ihr die Stille. Einträchtig wie Geschwister kehren sie zusammen ein. Nehmen mich in ihre Mitte und tragen mich. Es ist keine Woge, hochtragend und aufbrausend. Eher ein sanftes Dahingleiten. Schaukeln an der Oberfläche. Nur manchmal sackt der Kopf schwer nach hinten. Taucht unter. Alles wird schwarz. Der Atem stockt. Kurz und heftig – bevor er mit einem Ruck wieder hochfährt. In unglaublicher Klarheit. Voller Gedanken, die wirr durcheinander schießen. Alle zuerst sein wollen. Sich wichtig nehmen. Drängeln. Drängen. Pochend gegen die Stirn. Wie schwere Kettenglieder funkelnd durch die Hirnwindungen rasen. Aneinandergereiht. Schier endlos in ihrer Abfolge. Drängen nach draußen. Wollen sortiert werden. In ihrer Einzigartigkeit wahrgenommen und beachtet werden. Dazwischen das kleine Mädchen, das ich einmal war. Staunend in der Mitte stehend. Klein, zaghaft und viel zu dünn. Vergangenheit ist das, was wir geworden sind. Da ist sie noch. Ich freue mich, sie nicht verloren zu haben, auch wenn sie das alles kaum erträgt. Sie ist die Phantasie, die lebt und nicht verloren geht. Ich will sie bewahren. Beschützen vor den Ketten, die sie einschnüren. Doch immer schneller dreht sich das Rad, das die Gedanken kreisen lässt und so verschwindet sie aus meinem imaginären Blick. Versinkt zunächst in Verschwommenheit und dann im Dunkeln. Nacht. Schlaf und Stille. Decken sie zu.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

2 Kommentare zu „Nachtgedanken

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