abc Etüden 19/20.20: Die Trennung

Die Tür ganz sanft ins Schloss ziehend, verließ Marlen die Wohnung, die ihre gemeinsame hätte werden können. Doch das war dann wohl jetzt vorbei. Fast schämte sie sich wie großspurig sie noch vor wenigen Wochen ihren Freundinnen von Tom erzählt hatte. Er sei der – genau DER! eine, auf den sie immer gewartet hatte. Mit dem sie ihr Leben verbringen, Pläne schmieden, Großes vollbringen und ihren gemeinsamen Weg gehen würde.

Sie hatte sich getäuscht. Wieder einmal.

Mit jedem Schritt, den sie setzte, entfernte sie sich auch innerlich von dem Traum, den sie gelebt hatten in den letzten Wochen. Hochfliegende Träume: mit dem Katamaran die Welt umsegeln und daraus ein Buch machen wollten sie. Alles, was sie hatten auftreiben können an Geld und Material , hatten sie in den letzten Wochen in das ungewöhnliche Boot gesteckt. Manches war dabei zu kurz gekommen. Auch der Einzug in die gemeinsame Wohnung, weil sie nicht dazu gekommen war, ihre Wohnung zu annoncieren, um einen Nachmieter zu finden, der ihr aus dem gebundenen Vertrag half. Nun atmete sie auf: es war ein Glück, dass sie die Wohnung noch hatte! Sie konnte einfach zurück in ihr eigenes Leben. Ihr Leben ohne Tom.

Wie lange sie wohl die Trennung totschweigen konnte? Vor ihren Freundinnen, aber auch vor ihrer Mutter, die immerhin den Grund dafür kannte – ohne es zu wissen sogar ein bisschen der Grund dafür war.

Am liebsten würde sie zurückgehen und Tom ins Gesicht schreien wie furchtbar sie diesen Schritt selbst fand. Ihre ganze Wut, ihren Unglauben, ihre Traurigkeit herausschreien. Oder wenigstens die Tür zu knallen. Ja. Das könnte sie tun. Getan haben. Wenigstens das! Aber was würde das ändern?

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

9 Kommentare zu „abc Etüden 19/20.20: Die Trennung

  1. Die Scheidewegpunkte gehören zum Spannendsten, was uns Leben anbietet – das Fatale daran ist, daß man nie weiß, wie die andere Richtung ausgesehen hätte… Mit ein bißchen Glück erfährt man, wie die richtige Seite aussieht. Dann kann man oder frau eventuell die gegenwärtigen Konsequenzen beeinflussen ?

    Gefällt 2 Personen

  2. Da hat sie Glück, dass sie noch so relativ einfach in ihr eigenes Solo-Leben zurückkann. Ich musste gerade tief durchatmen, diese zerschmetterten Träume sind nicht so einfach zu überleben …
    Danke dir!
    Liebe Grüße
    Christiane 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Nein.Das sagt sich nicht einfach und es lebt sich oft noch viel schwerer als man es später,mit ausreichendem Abstand einfach so niederschreiben kann. Einer meiner Lieblingsleitsprüche ist: von ganz unten kann es nur nach oben gehen.
      Leider weiß man IN der Situation oft nicht, ob man schon ganz unten ist…

      Gefällt 1 Person

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