Versinken

Ich sinke. Ich sinke und ertrinke.* Eine Liedzeile, die mir seit Tagen im Kopf herum geht. Ich höre Tamara Danz singen. Ihre Leidenschaft in jedem Wort. Asyl im Paradies möchte sie und das passt so gut zu meiner Situation. Das Paradies ist diese – wenn auch unfreiwillige – Auszeit, die mir fast wie ein Geschenk – ein Geschenk aus Zeit – erscheint. Jede Menge Zeit, die ich mir in all den gehetzten Stunden so sehr gewünscht habe, um endlich all jene Dinge zu tun, die ich viel lieber geglaubt hatte, tun zu wollen. Von denen mir mit jedem Tag deutlicher wird, dass sie es auch wirklich sind: Schreiben. Nachdenken. An Worten feilen. Worte aufgreifen. Sie in Gewahrsam nehmen, in meine Obhut gar. Ihnen ein Leben geben. Ein eigenes. Wäre da nicht die latente Bedrohung durch den Virus und dessen Folgen, die auch Arbeitslosigkeit, Geldnot, Wohnungsnot und was weiß ich noch alles sein können. Im Moment noch nicht absehbar. So wenig wie sonst irgendeine Zukunft. Nie lag sie mehr im Nebel als jetzt. All das verdränge ich. Die Zukunft wird kommen. Mich – uns überrollen und mitreißen. Wohin auch immer. Wir werden uns ihr stellen, wenn es soweit ist. Nach [eventuell auch nicht] bestandenem Charaktertest durch die Krise kann es im Grunde genommen nur besser werden. Ich – gefestigt wie Phönix in die Asche gefallen – werde mit viel klareren Zielen vor Augen und Vorsätzen im Kopf schneller in alte Gewohnheiten zurück fallen, als ebenjener Vogel verbrennt. Über die Kurzlebigkeit diverser Vorsätze sind wahrscheinlich ohnehin schon Romane geschrieben, mindestens aber erdacht und – aus selbigen Gründen – nie erfolgreich zu Papier oder neumoderner Weise in ein Tablet gehämmert worden. Mindestens werde ich aber den ersten Tag überleben wie ich bisher jeden ersten Tag überlebt habe, von denen jeder einzelne auf seine ganz besondere Weise der jeweils schrecklichste seiner Art war. Müsste ich hier eine Rangliste kreiiren würde der erste Schultag – wegen dieses schrecklich grünen Röckchen, welches ich zu tragen gezwungen wurde – auf einem der vordersten Plätze zu finden sein. Dicht gefolgt von jenem ersten Tag in der Berufsschule, an dem ich – in gewohnter Regelmäßigkeit – nicht anwesend sein konnte, weil irgendeine lästige unbedeutende Erkrankung mir die Peinlichkeit verschaffte, meine Mutter zu diesem Termin entsenden zu müssen, da Schlüsselübergabe und Einweisung in Wohnheimgepflogenheiten keinen Aufschub duldeten. Es gibt nichts schlimmeres für eine 16jährige als diese Schmach, von der man glaubt, sie sei mit nichts im Leben zu toppen und damit wiederum die Zukunft meint, von der man nichts weiß, außer dass sie kommen wird. Und mir den Atem nimmt zum Weiterleben. Meine Uhr ist eingeschlafen. Ich hänge lose in der Zeit. Der äußere Stillstand, der mir scheinbar unbegrenzt Platz ließ, mich im Inneren – in mir selbst, in meiner eigenen, wenn auch kleinen,aber nichtsdestoweniger schillernden Welt – zu bewegen, wird enden. Schneller als gedacht fahren langsam die Turbinen wieder hoch. Ich kann sie hören. Hörst du sie rufen ? Sie kommen, mich zu suchen…und ich möchte mich dem entziehen, fliehen, dem allen entsagen. Sag ihnen keine Macht der Welt Holt mich zurück an Land Meine kleine Insel, umgeben vom Tosen, das in meinen Ohren dröhnt, nicht verlassen. Stehe vor den Wellen, die kommen und gehen, mich mitreißen wollen und fühle schon bevor sie meine Füße berühren Ich sinke. Ich sinke und ertrinke.

*Quelle Liedtext: LyricFindSongwriter: Ritchie Barton / Tamara Danz / Uwe Jens Hassbecker Songtext von Asyl im Paradies © BMG Rights Management

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

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