Die Flucht

„Roman ohne U“ Judith W. Taschler
Seite 88 2. Absatz:“Ich träumte vom Kriegsende und davon, nach Kriegsende die Matura zu machen.“
Ein Beitrag zur Schreibarena von lyrikfeder https://lyrikfeder.wordpress.com/

Ich träumte vom Kriegsende und davon, nach Kriegsende die Matura zu machen. Doch allzuviel Zeit blieb mir nicht für meine Träume. Ich musste weiterrennen. Immer weiter. Überall schlugen Bomben ein. Ich hörte die Schreie meiner Kameraden. Sah wie sie fielen. Nur wenige standen wieder auf. Befehle wurden gebrüllt. Mitten in dieser ausweglosen Situationen kam der Befehl, die Stellung zu halten. Der sichere Tod.
In disem Moment beschloss ich, nicht länger mein Leben zu riskieren. Ich wollte eine Zukunft, die Matura, studieren und Gerda. Gerda wiedersehen – dieser Gedanke war es, der mich dazu brachte, das Gewehr wegzuwerfen und einfach weiterzurennen.
Ich schlug einen Haken. Und noch einen. Niemand hatte Zeit, auf mich zu achten. Die Kameraden versuchten, genug Abstand zu gewinnen, um die Geschütze in Stellung zu bringen oder sich selbst in Deckung. Überall schlugen weitere Granaten ein. Erde stob auf und regnete wieder herab.
Als in meiner Nähe ein Einschlag die Erde erbeben ließ, ließ ich mich fallen und blieb still liegen. Der Wald war noch einige Meter entfernt. Vielleicht achtzig oder hundert Meter. Ich sah mich um. Immer noch versuchten die Männer das Geschütz auszurichten. Hantierten mit der Munition. Mussten sich immer wieder ducken, um den nächsten Einschlag abzuwarten.
Zu ihnen zurück wären es nur knappe dreißig Meter.
Ich robbte los. Weg von ihnen. Dem Wald entgegen. Zwischendurch blieb ich immer wieder liegen. Horchte. Rief jemand meinen Namen? Oder gar den Befehl auf mich zu schießen? Den Deserteur zu bestrafen? Weiter! Fünfzig Meter bis zum Wald. Der Acker war trocken. Die Stümpfe des gemähten Getreides ragten aus dem Boden. Halme – hart und vertrocknet – rissen mir das Gesicht auf. Staub bohrte sich in Mund, Nase, Lunge. Weiter! Unendlich schien mir die Entfernung. Als rücke der Wald weiter weg, statt näher zu kommen. Zwanzig Meter noch. Langsam klang es so als würden sich die Einschläge entfernen. Ich hörte wie das Geschütz abgefeuert wurde. Hatte Wilhelm es also doch geschafft. Er war ein Tausendsassa. Er kämpfte mit Leib und Seele für die Sache, für das Vaterland. Ein guter Mann. Leider kämpfte er für die falsche Sache. Oft genug hatten sie darüber gesprochen, dass das alles längst keinen Sinn mehr machte. Aber Wilhelm hatte sehr deutlich gemacht, dass er keine Wehrkraftzersetzung dulde. Die Gerüchte über das Morden an Unschuldigen wollte er nicht hören. „Die werden schon was verbrochen haben, wenn sie ins KZ müssen!“ waren seine Worte. Ich sah zurück. Konnte sein Gesicht kaum noch erkennen. Wieviel hatten wir gemeinsam durchgestanden…doch das war jetzt nicht wichtig. Ich musste weiter. Zehn Meter noch. Dann der Wald. Endlich.
Ich brauchte ein Versteck. Mühsam, immer noch robbend, kroch ich durch das Unterholz. Gestrüpp verfing sich an der Uniform. Riss mir die Hose auf. Tiefer hinein. Hier war es dunkler und kühler. Die Geräusche hinter mir wurden leiser. Fast schon still war es je tiefer ich in das Dickicht kroch. Ich wagte nicht, mich aufzurichten. Plötzlich rutschte ich ab. Fiel. Ich erschrak. Versuchte mich festzuhalten. Fand keinen Halt. Blieb jedoch recht bald liegen. Eine Mulde direkt hinter einer riesigen, wahrscheinlich hundertjahrealten Buche. Kalt und feucht. Altes moderndes Laub, Moos und Astreste füllten sie fast ganz aus. Und jetzt auch ich. Schnell schaufelte ich einiges davon über mich und blieb einfach liegen.

Ich räusperte mich: „So!“ sagte ich dann: „Jetzt ist aber Schluss für heute.“
Hannes sah mich mit großen Augen an: „Nein! Bitte noch nicht, Opa!“ Schon holte er Luft, um weiterzusprechen. Doch ich kam ihm zuvor und meinte: „Doch doch doch…das ist doch auch keine Geschichte für einen Sonntagsnachmittag….Komm, wir gehen lieber noch ein bißchen raus!“

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

4 Kommentare zu „Die Flucht

  1. Ein sehr lebhaftes Bild, dass Du uns da beschreibst. Zu schade, dass es zeitlich nicht ganz für die Schreibarena gereicht hat. In dieser Sache würde ich gern noch die Gelegenheit nutzen, um mich bei Dir fürs Ausbleiben einer Antwort zu entschuldigen. Ich war gesundheitlich nicht auf der Höhe, daher blieb der Rechner weitestgehend aus. Hoffentlich hält Dich das nicht davon ab auch im nächsten Monat in der Arena anzutreten :- )

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