Junge Hunde

Zwischen der Zeit. Hängend. Alles anders. Noch sehr vage.
Keiner weiß, wohin es geht.
Westwärts.
Auf jeden Fall.
Doch wir sind irgendwo dazwischen.
Wir halten an alten Gewohnheiten fest. Die Kirche bietet uns noch immer ein Dach. Auch für Veranstaltungen, die ganz und gar nicht kirchlich oder gar göttlich sind. Vielleicht sogar sündhaft. Disco in einer Kirche. Das hat die Welt noch nicht gesehen. Ich jedenfalls nicht. Zuvor.
Vielleicht der einzige Grund, weshalb ich mitgehe. Ich mag Tanzveranstaltungen nicht. Tanze nicht. Bin noch zu jung, zu ungelenk für ein eigenes Körpergefühl. Bin noch nicht angekommen. Bei mir.
Und hier auch nicht.
In dieser neuen Welt. Einer Welt der Frauen. Frauen, die wissen, was sie wollen. Die eigene Wege suchen. Sie einfach gehen. Ohne zu wissen, wohin sie führen. Alles, nur nicht die ausgetretenen Pfade. Alles ist besser als die. Frauen, die auch die Regeln des „Gefallen-wollen-müssens“ nicht achten. Sie sogar ablehnen. Die Haare abschneiden. Ihre Gesichter freilegen. Die Augen unbedeckt. Den Blick klar. Und nach vorn.
Immer nach vorn.
Nicht zurück.
Weil wir alles zurückgelassen haben. Die Familien. Väter, Mütter, Brüder. Manche sicher auch Schwestern. Die Dörfer. Mit all ihrer Enge. Dem Staub und dem Gestank. Dem Mief der letzten Jahrhunderte. In den Köpfen der Menschen.
Und so hab auch ich meine Haare abgeschnitten. 3 Millimeter. Ein kleiner Rest. Erinnerung.
Es ist soviel mehr als eine Frisur. Die eigentlich keine ist. [Man sieht kaum, dass ich Haare habe.]
Es ist ein Statement.
Tabubruch.
Provokation.
Plakatierung.
Und Befreiung.
Es hat mich befreit. Von einer Last, die mir nicht bewusst war. Der Last, gefallen zu wollen. Gefallen zu müssen. Objekt zu sein.
Von nun an bin ich Subjekt. Bin ich ich. Ich fühle mich zum ersten Mal wohl in mir. Auch wenn andere es nicht so sehen.
Die Verwirrung der anderen: was bist du? wer bist du? Das Wort „androgyn“ war mir entweder noch nicht bekannt oder noch nicht erfunden. Ich sonnte mich darin, auch wenn ich kein Wort dafür hatte. Auch an diesem Abend. Stand an der improvisierten Bar. Cola in der Hand. Sah den tanzenden zu. Sprach mit dieser und jener ohne jede besondere Absicht. Dachte nach über Klischees. Und Sprache. Ihre Eingeschränkheit. All ihre Grenzen. Es waren gute Gespräche. Viele. Wir gingen spät nach Hause.
Die Nacht war kalt und klar. Und plötzlich waren sie da. Drei oder vier Paare. Kerle mit kurzen Haaren. Bier in der Hand. Machten Sprüche. Wollten die Mädels – allesamt billig aufgedonnerte Püppchen, die ebenso betrunken waren wie die Jungs – beeindrucken. Überboten sich mit Sprüchen. Beleidigungen. Als wir nicht reagieren, werden sie lauter. Meine Freundin wird nervös. Hat Angst. Möchte wegrennen. „Wenn wir jetzt rennen, jagen die uns! Bleib ruhig!Geh langsam!“ sage ich ihr, obwohl mein Herz bis unter die Schädeldecke pumpt als wolle es sie sprengen. Nach oben hinausschießen und mich im Stich lassen. Wir sind zu viert. Die anderen beiden sagen nichts. Wir rücken näher zusammen. Versuchen uns nichts anmerken zu lassen.
Die Gruppe – sie waren eigentlich längst an uns vorbei – macht kehrt. Kommt uns nach. Wird immer lauter. „Ey du Schwuchtel!“ schreit einer. Es klingt als wäre er schon direkt hinter mir. „Ey!“ brüllt er: „Bleib doch mal stehen!“ und plötzlich packt er mich am Arm. Zerrt mich weg. Drückt mich an eine Wand. Ich höre Schreie. Ich weiß nicht, wer schreit. Er drückt mir den Hals zu. Starrt mich an.
Ich starre zurück. Keine Angst zeigen. Nicht zwinkern.
Ich denke an den Schäferhund aus unserem Dorf, der fast jedes Kind gebissen hat. Immer wieder hatte mein Vater mir gesagt: du darfst nicht wegrennen! Keine Angst zeigen, dann tut der dir nichts.
Der Typ vor mir hat Ähnlichkeit.
„Was bist du eigentlich?“ fragt er:“Bist du n Typ?Hä? Bist du schwul oder was?“
Selbst wenn ich gewollt hätte, hätte ich nichts sagen können. Bekam kaum genug Luft, um zu atmen. Ich schau ihn nur an.
Seine Freundin schreit:“Hör auf!“ Er drückt fester. Zerschlägt seine Bierflasche. Drückt sie mir an den Hals. Zum Glück trage ich ein Palästinesertuch (was für ein Name!?). Seine eigene Freundin kreischt:“Hör doch auf!“ Ruft irgendeinen Namen. Er lässt locker. Dreht sich zu ihr um. Ich bleibe einfach stehen. Er lässt die Flasche sinken. Nur ein bißchen. Sie schreit wieder. Er sagt:“Wieso? Ist doch witzig!“ Lacht.
„Guck doch wieviel Schiss der hat!“
„Das ist doch n Mädchen!“ schreit sie mit überschlagender Stimme:“Jetzt lass die!“
Er guckt. Mustert mich. „Echt jetzt?“ Schaut zwischen mir und seiner Freundin hin und her. Ist unsicher.
Und dann lässt er einfach los.
Lässt die Flasche fallen.
Dreht sich um und geht.
Küsst seine Freundin.
Klemmt sie sich untern Arm und stolziert davon.
Irgendwer gibt ein neues Bier.
So ziehen sie davon.
Grölend.
In die Nacht

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

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