Eine unmögliche Frage

Es ist Jahre her, da traf ich mich mit einer Bekannten. Ich kannte sie „vom Sehen“. Traf sie hin und wieder auf Veranstaltungen. Fand sie interessant. Mit ihren roten, zu Berge stehenden Haaren. Dem blassen, nicht auffälligem Gesicht. Nicht schön. Nicht attraktiv. Nicht ungewöhnlich. Und doch sah ihr jeder nach. Es hatte sich nie ergeben. Kein längeres Gespräch. Kein Treffen. Kein Anknüpfungspunkt. Ich erinnere mich auch nicht wie es dann dazu kam. Und doch ergab es sich. Irgendwann. Dieses unbestimmte „irgendwann“, von dem immer jeder denkt, es käme niemals zustande. Es ergibt sich. Manchmal ganz von allein. Wir trafen uns auf einen Kaffeee und schon mit der ersten Frage waren wir sofort in einer tiefsinnigen Diskussion verfangen. Sie referierte statt zu antworten. Darüber wie unmöglich diese Frage sei. Die jeder einer immer sofort stellte. Erwarte, dass sie kurz und knapp und möglichst positiv beschieden würde. Sei dem jedoch nicht so oder zögere man gar, käme es hin und wieder zu sofortigem Gesprächsabbruch. Mindest jedoch würde übergangslos etwas anderes gesprochen, so als interessiere sich niemand dafür, wie die Antwort wirklich lauten könnte. Was die Frage nahelegt: Warum verdammt fragen die Leute es dann? wenn sie doch gar keine Antwort oder nur die eine! einzig wahre, als richtig erachtete Antwort hören wollten, aber niemals – wirklich niemals – das, was wirklich ist. Mehrfach versuchte ich, etwas einzuwerfen. Es gelang mir nicht. Sie musste unbedingt loswerden, was sich in ihr angestaut zu haben schien. Sie musste loswerden wie sehr sie diese unmögliche Frage jedes Mal in die gleiche Schwierigkeit brachte. Die, dass sie in sich hineinhorchte. Sich selbst zu erfühlen versuchte. Ergründen, welches die richtige, ehrlichste Antwort sein könnte, während ihre Gesprächspartner sich längst anderen Themen zugewandt hatten. Was sie wiederum so sehr ärgerte, dass es alle anderen – vorher dagewesenen Gefühle – verwischte. Einfärbte. So dass es ihr noch schwerer schien, an das darunterliegende zu gelangen, um die ursprüngliche Frage beantworten zu können. Und so stürzte sie diese eine Frage immer wieder in tiefe Grübelei. Was wiederum dazu führte,dass sie den Gesprächen nicht folgen konnte. Man sie als einsilbig und manchmal sogar als dumm abtat, weil sie nur schweigend, versunken daneben saß und nichts mehr sagte. Als ich endlich dachte, ich könnte jetzt ein Wort an sie richten, setzte sie zur eigentlichen Antwort an. Denn schließlich sei es doch nicht so einfach zu beantworten. Es sei doch immer alles sehr vielschichtig. Es ginge einer doch oft nicht einfach nur gut, auch wenn es zufällig in diesem Moment, in dem die Frage gestellt würde, vielleicht gerade auch nicht schlecht erginge, weil die Sonne so schön in die Augen schien – vielleicht sogar des Gegenübers, sie dadurch noch schöner erscheinen ließe, was ziemlich vom eigenen Sein ablenken könne -, es angenehm warm sei, der Frühling ausbräche und schöne Tage bevorstünden. Darunter könne es jedoch trotzdem einen Berg von Schwierigkeiten und Problemen geben, die – betrachte man es genauer und wolle wirklich ehrlich sein – einer das Leben doch recht schwer machten und es eben doch nicht so gut ginge. „Verstehst du?“ Ich schmunzelte als sie endlich schwieg. Sah sie lange an. Sie wirkte erschöpft fast. Aber auch ein bißchen unsicher, weil ich nicht sofort reagierte. Schon wollte sie den Mund öffnen, um erneut zu erklären. Da sagte ich: „Du hast Recht!“ Sie war verblüfft. Klappte den Mund wieder zu. Und dann fragte ich: „Und wie geht es dir nun?“

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

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