In einem Land,das plötzlich verschwand

Hinter dem Haus weite Felder. Die Straße endet cirka 150 Meter davor und geht in einen Feldweg über. Im Herbst ist es matschig, modderig und voller Pfützen. Fahrrad fahren wird hier zu einem waghalsigen, auf jedenFall aber schmutzigem Unterfangen. Rodeln inbegriffen. Manchmal ist es schon fast Dunkel, wenn sie nach Hause fährt. Dann bringt sie dieser Weg fast zur Verzweiflung, denn sie weiß, welche Worte ihre Mutter finden wird, wenn sie mit schmutzigen Sachen nach Hause kommt, weil sie – wieder einmal – gestürzt ist. Dabei zählt für sie selbst eigentlich nur, ob Wasser in die alte abgenutzte Mappe dringt und ihr die Bücher und Hefter verderben würde. Das jedoch ist für ihre Mutter nahezu nebensächlich. Für die Mutter scheint es immer noch nicht so recht sinnvoll, dass Mädchen in die Schule gehen. Zumindest nicht ganztags. Eher sind Kinder wohl dazu da, die tägliche Arbeit zu schaffen und für die Familie mitzuarbeiten. Ob die vielen privaten Gärten und Ackerfelder deshalb angeschafft wurden, erschließt sich dem Mädchen nicht. Allerdings ist ihr zumindest klar, dass die Mutter niemals in der Lage wäre, das alles allein zu schaffen. Der Vater ist ja nie da. Er verdient das Geld. Das nie reicht. Für nichts. Manchmal gerade so für das tägliche Essen. Nie bis zum Ende des Monats. Dann gibt es oft solche Sachen wie Milchnudeln oder einfach gebratenes Brot mit Salz oder ohne… Auch heute riecht es nach den verhassten Milchnudeln. Das Mädchen rümpft die Nase, geht jedoch erst einmal in ihr Zimmer,das weit genug von der Küche weg ist als dass ihre Mutter sie schon bemerken könnte. Die Tasche in die Ecke werfend, hängt sie die Jacke an die Tür und ist kurz versucht, sich auf den Sessel zu setzen,um sofort in ihrem Buch weiterzulesen, aber auch das brächte wieder nur Ärger ein. Also geht sie in die Küche. Ihre Brüder sitzen schon am Tisch. Die Mutter tut noch sehr beschäftigt. Der Vater ist nicht da. Sein Platz auch nicht eingedeckt. Sie spart sich die Frage, ob er noch kommt. Eigentlich will sie nur das Abendbrot absolvieren und dann endlich in ihr Zimmer und zu ihrem Buch zurück. Versinken in dieser anderen Welt. Raus aus ihrer eigenen. Weit weg. Alles vergessen, was ihr Leben sein soll auf diesem hässlichen Dorf am Rande der Welt. Wo es nicht einmal Füchse gibt und die Hasen, die Hasen sitzen im Stall und werden gegessen. Egal, ob sie einen Namen haben oder nicht. Sie werden Festtagsessen. So ist das Leben. Hier auf dem Dorf. In dem es immer stinkt. Nach Dung. Entweder aus irgendeinem Stall oder von einem der vielen Felder. Oder nach Milchnudeln. Von ihrem Teller. Die Mutter ermahnt sie laut, nicht schon wieder zu träumen, besser zu essen, damit sie ins Bett käme. Das Mädchen verkneift sich ein Lächeln, ob der Unlogik nicht träumen zu sollen,aber ins Bett zu müssen. Dort wo die Träume sind. In ihrem Schlaf. Dort wo die Träume sich nicht und nichts verbieten lassen. Zu gern erfüllt sie diesen Wunsch der Mutter.

Veröffentlicht von Kain Schreiber

Gedanken. Geschichten. Bilder.

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